Johann Andreas Schmeller schrieb gut und schrieb viel. Neben seinem wissenschaftlichen Werk hinterließ er einen umfangreichen Briefwechsel und ein Tagebuch.
An dieser Stelle finden Sie die unter "Schmeller-Persönlich" veröffentlichten Beiträge der vergangenen Monate.




Oktober 2012

Montag den 4t. 8ber 1819.

München Platzl No. 243. Heute mit Emma auch zum Vogelschießen zu gehen, war der Mutter gestriger Plan gewesen. Allein es kam anders. Sie schickte diesen Morgen nach der Frau Friedrich (ehmaligen Schmid).
Mit dieser saß sie im Zimmer in banger Erwartung der Dinge, die da kommen sollten. Plötzlich stürmte nach seiner Gewohnheit Mettingh hindurch und der Forstlnspector von Greyerz, der mich besuchen wollte.
Kaum war diese Visite wieder fort, so gingen die Wehen an. Die Wasser brachen. Erst geraume Zeit darauf ¾ auf 11 Uhr ward geboren. ə Bue is`s sagte Madam Friedrich. -- Er war häßlich angeschwollen, schwarz und braun. Mit Eau de Cologne, welches Madam Legrand herbeyholte, Madam Friedrich ihm in Mund und Nase goß, wurde er ins Leben gerufen.
Max und Franz waren schon am Morgen zum Vogelschießen gegangen, Emma saß ruhig am Boden, Beerchen von der Traube lesend, die Madam Legrand ihr gegeben. Weder Madam Friedrich, noch die Mutter glaubte an das Fortkommen des kleinen Weltbürgers, so erbärmlich sah er aus, wenn schon von ungewöhnlicher Größe des Körpers. Er wurde nothgetauft.
Abend traf ich mit Mettingh im goldnen Hahn den v. Greyerz. Auch der LegationsRath v. Flad war eine Zeitlang da. Wir schwätzten bey einer Tasse Tee bis 10 Uhr. Ich begleitete Mettingh nach seinem Hause vor dem Carlsthor, er mich wieder bis auf den Schrannenplatz zurück. Ich erließ ihm wieder was er nur ehrenhalber zugesagt hatte.


Am 5t. 8ber 1819

Morgens ging ich gevatterbittend zum Auditor Obermayr. Es war ein junger Doctor bey ihm, so daß ich ihn nicht allein sprechen konnte. Also ließ ichs bey einem leeren Besuch bewenden.
Ich las die Zeitungen. Der Ärger über das Carlsbader Concordat, das Deutschland zu einem Zuchthaus unter Österreichs Ochsenziemer machen will, ließ mich meine kleine persönliche Verlegenheit ein wenig vergessen.
Ich blieb indessen nicht länger in lächerlicher Sorge. Um 2 Uhr kam ein alter Cooperator von Unser Frau, um zu taufen. Max hob das Kind auf den Namen des k. spanischen Oberstlieutenant Don Francisco Voitel in Palma. Ich hatte ihm den Namen: Emerich Franz zugedacht. Max sagte: Emma und Emmerich, Gans und Gänserich! Da ließ ich Namen, nach welchem wir mein Canaan Amerika nennen, auf einmal fallen: und der neue Christ wurde getauft Otto Franz.
Von der philologisch-philosophischen Classe der Akademie war mir diesen Morgen zur Vermehrung meiner Schwulitäten die Einladung zugekommen, mich am 8t. zu einer außerordentlichen Sitzung (über meine vorgelegte Arbeit) einzufinden.


Den 8t. 8Ber 1819

Ich fand mich auf dem Sitzungszimmer der Akademie ein. Niemand war da als D. Schlichtegroll. Endlich kam noch Docen. Schelling und Thiersch, obschon sie beyde die Einladung an mich unterschrieben hatten, kamen nicht. Es war also nichts zu machen. Nachdem wir viel über die Carlsbader MinisterVerschwörung, welche von Schlichtegroll und Docen sehr gnädig betrachtet wurde, gesprochen hatten, gingen wir nach einer Stunde Wartens auseinander.


l0t. 8ber 1819.

Otto zeigt wenig Lebenslust. Fast sein ganzes Seyn ist Schlummer. Er nimmt die Mutterbrust nicht. Nach dem Urtheil der Frauen ist er zu früh geboren.


Maxmilianstag 12t. 8ber 1819 8 Uhr Abends.

Otto hat sein Leben überstanden, nach zweytägigem Ächzen und Leiden, das der Mutter beynahe das Herz gebrochen.
Auch ich kann mich einer unwillkürlichen Thräne nicht enthalten, das schöne menschliche Gebilde, das von mir sein Daseyn genommen, nun lebenlos, obschon friedlicher, glücklicher als im Leben daliegen zu sehen. Otto, du hast schnell errungen das Ziel, nach welchem ich vielleicht mich noch abmühe, Jahre lang. Bestimmung, Zweck ist nur ein Wahnbild unsers Traums: Bewußtseyn und Verstand! --
Welche Sprache erreicht das spanische: hijo de mis entranas! Es klingt mir unaufhörlich in den Ohren.


15t. 8her 1819.

Otto begraben im aüssern Gottesacker in der 48sten QuerReihe, und in der 7ten links von dem Hauptgang, der den ganzen Freithof in zwey Hälften teilt.
Wohl dir, du bist ins wahre Seyn zurückgekehrt aus den wenigen Stunden des AbtrünnigkeitsVersuches.

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 - 1852, 1. Band 1801 – 1825, hg. von Paul Ruf, München 1954, S. 413 – 415)

Jacob Karl von Mettingh lernte Schmeller wohl 1814 in Kempten beim freiwilligen Jägerbataillon kennen; er war einer der engsten Freunde und Vertrauten Schmellers. – Johann Nepomuk Obermayr [1785 (?) –1856] war in der Militärjustiz Bayerns tätig, Sch. kannte ihn wohl seit 1816. Er war Sch.s Gewährsmann für die Passauer Gegend und den Bayerischen Wald. –
Die Karlsbader Konferenz begann am 6. August, Schmellers Geburtstag, 1819, als Ministerialkonferenz und stand unter dem Einfluß Österreichs. Die K. Beschlüsse hatten zum Ziel, die liberalen und nationalen Bestrebungen in Deutschland zu unterdrücken und wurden im September vom Bundestag des Deutschen Bundes in Frankfurt einstimmig bestätigt. –
Franz Joseph Stephan Voitel (1774 – 1839) war ein Schweizer Offizier in spanischen Diensten. Ihre lebenslange Freundschaft begann am 18. Mai 1806 als Hauptmann V. von seinem Untergebenen Sch. privaten Englischunterricht begehrte. Beide verband auch die Begeisterung für Pestalozzi. 1806 war Sch. Lehrer an V.`s Regimentsschule in Tarragona und 1807 an der Pestalozzischule in Madrid, deren Direktor V. war. –
hijo de mis entranas – Ungefähr wie „Oh Du mein Herzblatt“.
[Winkler Werner (Hg.), Johann Andreas Schmeller Briefwechsel III Register, Grafenau 1989]

 


November 2012

30. November Montag Andreas. [1840]

Namens-Gratulationen von Rorbach und Rimberg aus und auch von den Mitmännern auf der Bibliothek. Nur in meinem Hause will man nichts vom Andre-l wissen. Es muß dafür der Hans herhalten. Und doch ist mir der Andreas meiner lieben Eltern wegen immer noch der ächtere Patron.
Seit 4 Wochen ist eine halbe Stunde nach dem Erwachen der böhmischen Grammatik von Truka gewidmet. Es gilt zu erproben, ob auch der alte Knabe noch was lernen könne.

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 2. Band 1826 – 1852, hg. von Paul Ruf, München 1956, S. 303)

Der Namenstag war in Bayern bis vor wenigen Jahrzehnten noch ungleich wichtiger als der Geburtstag. Schmeller, der sich viel lieber als Andreas angesprochen hörte denn als Johann, feierte seinen Namenstag normalerweise am 30. November, was seine Familie beständig ignorierte, indem sie ihm zu Johanni gratulierte.

 


September 2012

Seit meiner Wiederkunft aus Augsburg habe ich so ganz und gar alle Lust an der Wortklauberey verloren, daß ich mich durchaus nicht mehr dazubringen kann, etwas für das Wörterbuch zu thun. Um vor langer Weile und Lebens-Überdruß nicht zu vergehen habe ich mir meine Grammatiken in Reihe und Glied gestellt, und so nehme ich jeden Tag eine andere Sprache vor. Sie kommen in der Ordnung: Sanskrit, Persisch, Arabisch, Hebräisch, Madyarisch, Griechisch (alt und neu), Latein, Italienisch, portugiesisch, spanisch, französisch, russisch, böhmisch, polnisch, englisch, dänisch, holländisch.


Mariae Geburt 8t. 7ber 1821

Heute endlich erhielt ich, von Rösl, Sidler und Buchbinder lang genug in der Geduld geübt, die ersten vollständigen Exemplare meines Opus.
Das erste auf Schreibpapier bracht ich dem Geheimen Rath im Kriegs-Ministerium, der mir so viele Gefälligkeiten erwiesen, v. Langlois. Er war in einiger Verlegenheit, da ihm vielleicht noch von keinem Officier ein ähnliches Zeichen der Erkenntlichkeit geworden ist.
Das zweyte dito meinem Mettingh, dem ich so manches Freundliche verdanke, mit der Zuschrift:
„Menko, schön ist Dein Loos! Froh greifst Du und rüstig ins Leben: Siehe, womit sich Dein Freund selbst um das Leben betrügt."

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 - 1852, 1. Band 1801 – 1825, hg. von Paul Ruf, München 1954, S. 434.)

1821 erschienen "Die Mundarten Bayerns" von J. A. Schmeller.
Jacob Karl von Mettingh lernte Schmeller wohl 1814 in Kempten beim freiwilligen Jägerbataillon kennen; er war einer der engsten Freunde und Vertrauten Schmellers.

 


August 2012

6t. August 1832

Sieben und vierzig Jahre Wachens und Schlafens und Träumens überstanden. Die schwersten Entsagungsprocesse hoffentlich hinter mir. Der Morgen heiter. Ich fühle mich weder geistig noch körperlich unwohl und danke meinem Gott, daß er mich unter dem auserwählten noch nicht wieder heimgegangenen Drittel der im J. 1785 Gebornen seyn lassen will.
Es schlagen die bekannten Glocken alle, 7 Uhr. Und nun noch eine, deren Klang ich nie vernommen. Es ist die der neuen protestantischen Pfarrkirche. Niemand außer Graff, dessen herkömmlicher Zuruf aus Berlin auch dießmal, trotz meiner Nachläßigkeit zum 10 Merz, nicht gefehlt, und außer Emma etc. weiß, welche Bedeutung dieser Tag für mich habe. Da tritt Dr. Emil Braun herein und gratuliert und bietet zum Andenken die Velten´sche Maria mit dem Kinde.
Auf der Bibliothek die Cgm. 780. 781. 782 beschrieben, zum Schluß eine an Töchtern zahlreiche englische Familie herumgeführt.
Nach Tische spielt mir Emma Rossini´s „Sich vermählen will der Alte etc.“ vor. Nach Mittag kommt Cleasby, liest und übersetzt aus Moore´s Lalla Rookh die zweite Gabe der Peri.
Dieser rüstige Abkömmling westmorelandischer Fellsidemen von Vaterseite und alter cornwälscher Gaelen aus Penrim von Mutterseite hatte mir jüngst auch eine vervollständigte Collation des cottonischen Heliand aus London (3 Cornwall terrace Regents park, wo sein Vaterhaus) mitgebracht.

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 2. Band 1826 – 1852, hg. von Paul Ruf, München 1956, S. 146)

Der 6. August war Schmellers Geburtstag.
Thomas Moore: Lalla Rookh, an oriental romance. London 1817.
Fellsideman (?): Fells im nördlichen England, Name der meist von Schafen beweideten Hochebenen (Meyers Konversations-Lexikon 3. Aufl. 1875).
Cottonischer Heliand: Handschrift benannt nach einem englischen Sammler namens Cotton.

 


Juni 2012

Schmeller zum Bau der Staatsbibliothek in München

15. Juny 1836.

In der außerordentlichen Beylage zur Allgemeinen Zeitung spricht ein Lobhudler aus München unter anderem von der „zahlreichsten Bibliothek der Welt (!!) der Münchner königlichen“, und dem weithin verbreiteten Bau in einfacher venetianischer Architektur, der sie aufnehmen soll.
Dieser Bau, unternommen, wie böse Zungen raunen, um ein gutes Stück der neuen großartigen Straße, welche des Königs Namen trägt, 520 Fuß auszufüllen, entspricht allerdings dieser Absicht. Daß er in jeder andern nicht an diesem Platze, nicht in dieser darmartigen gerade der Wetterseite ausgesetzten Fronte hätte geführt werden müssen habe ich, wie viele, von Anfange zu sagen nicht unterlassen. Meine Stimme wurde immer für nichts geachtet, oder mit dem Gewaltspruche niedergeschmettert: Der König will´s so.
Die Mitte, wohin das Sensorium des Ganzen, wenn es kein todter Speicher seyn soll, die Arbeitslocalitäten hätten verlegt werden müssen, nimmt, den einen Flügel aller inneren Verbindung mit den andern beraubend, ein leerer Prunksaal mit Malereyen und Stauen ein. Nur an der südlichen Extremität des Darmes sind Räume in denen, und zwar von erwärmter Luft, den ¾jährigen Winter hindurch wird gelebt werden können. Da soll auch mir oder meinem Nachfolger in der Bearbeitung der 18000 Manuscripte, – die an der entgegensetzten nördlichen Extremität aufgestellt werden sollen – ein kleiner Verschlag eingeräumt werden.
Nur an drey Orten wird es möglich seyn, aus dem ersten Stockwerke ins zweite zu gelangen; und sogar diese drey Treppenverbindungen wären rein vergessen worden, wenn Lichtenthaler erst jüngst nicht darauf aufmerksam gemacht hätte. Mein Vorschlag, daß man aus jedem Saal in den über ihn liegenden kleine Treppen anlegen sollte, ist in den Wind verhallt.
Von fast allem was in unsern Tagen bey einem bestimmten Bibliothekbau hätte geschehen müssen, um den Dienst und die Benutzung des Inhalts zu fördern, ist gerade das Gegentheil gethan worden. Und immer der Refrän: der König wills so. Der ursprüngliche, von Schrettinger ausgegangene Plan war ein Viereck, im Innern durch ein Kreuz verbunden [Zeichnung]‚ so daß man aus dem Mittelpunkte, wo gearbeitet wurde, nach allen Seiten hin ohngefähr gleich weit zu gehen hatte. Der König aber wollte eine lange Fronte in die Ludwigsstraße, diese allein kostete nach dem Anschlag 300000 Fl., schon ein Item für die deshalb anzugehenden Landstände. Sie bewilligten. Die Fronte wurde eingerichtet als für sich das Ganze vorstellend. Hierauf Wahrnehmung, diese Fronte biete nicht Raum genug, es seyen noch Seitenflügel anzubauen. Dazu gaben die inzwischen zahmer Gewordenen weitere 200000 Fl. Was von der Fronte an die Seitenflügel stößt, mußte nun großentheils umgebaut werden. Reiner Verlust von 10-20000 Fl. Und immer der alte Refrän. Bey jeder Kleinigkeit in der Ausführung der alte Refrän.
Mir scheint, es wäre loyaler von den Berufenen, auch einen Willen zu haben und so die vielleicht strengen Urtheile, die eine spätere Generation nicht blos munkelnd über dieses und andere jetzt in die Wolken erhobenen Werke fällen wird, von ihrem Urheber abzuwenden.
Nun sollen auch für die innere Einrichtung noch gegen 100000 erforderlich seyn.

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 2. Band 1826 – 1852, hg. von Paul Ruf, München 1956, S. 219f.)

 


Mai 2012

1 Juny 1841.

Klagen aus Rimberg, der am Fußübel leidende Bruder wisse sich mit seinen vier Kindern zweiter Ehe, nun endlich nicht mehr zu helfen – forderten mich wieder zur jährlichen Visitationsreise heraus.

Das Datum ist wohl verschrieben. Die vorhergehenden Einträge vom 23. bis 26. Mai berichten sehr karg von der Erkrankung Schmellers an der Nesselsucht. Der nachfolgende Eintrag vom 29. Mai bezieht sich auf die Reise Schmellers zu seinen Verwandten.


30. May.

„Pfingsten das liebliche Fest war gekommen, es blühte die Heide.“
Diesmal blühte die hier sogenannte Haidə (Ginster) nicht mehr; der May 1841, dem Juni andrer Jahre gleich, hatte schon Schoten gebildet. Allgemeine Klage über die andauernde Trockenheit. Hier unten hatte es kurz vor Ostern zum letzten Male geregnet. Ich kam unter der Kirche nach Rimberg. Bei Sepp war nur Wastel zu Hause, Brod aufschneidend zu den Knödeln. Der Vater also dennoch wieder im Stande nach Rohr zu gehen –
Ich schlenderte unter den Bekannten meiner Kindheit und Jugend (auch sie nicht mehr alle da) den alten Eichen und Buchen herum, bis die Kirche aus war. Dann Besprechung, Berathung, Mahnung und Tröstung. Es steht nicht so schlimm als ich gefürchtet. Gegen Abend zum Pfarrer in Rohr … N. Knitz, wo sich auch der neuangetretene zu Guntramsried … Schilling zufällig einfand. Dann nach Waal (wol besser Wald), in dessen, wie die obigen noch jungen Kirchherrn ich einen meiner ehmaligen Zuhörer (mit Joseph Müller, Zeuß, Greith, Höfler etc.) N. Pröbstl. (von Weilheim) begrüßen konnte. Er begleitete mich nach Rorbach, wo ich im Wirthshause Nachtherberge nahm, nachdem ich das Schloß (der alte Koch mit Tochter war eben in Pörnbach, nur sein Sohn Franz saß im Garten mit einem Baron Mayer aus Burgstall und einem Auditor (Sinzel?) aus Straubing) und das nun dem Vetter Georg gehörige Wagnerhaus besucht hatte.


Den 31st. Pfingstmontag.

Kirche in Rorbach. Der alte Koch besucht.[sic!] Dann mit Georg (es regnete Gottlob wieder einmal) nach Wald. Hier hielt ich mit dem amtseifrigen Pfarrer Mittag. Er begleitete mich bis Rohr. Der hiesige Pfarrer war zu dem von Guntramsried gegangen. Nochmalige Berathung zu Rimberg, wo auch Cordula, die gestern ihres Fußes wegen bei einem Wundermann in Niederscheiern gewesen, zurück war. Abends nach Pfaffenhofen, und heute Morgen 3½ Uhr mit dem Eilwagen heimwärts.


(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 2. Band 1826 – 1852, hg. von Paul Ruf, München 1956, S. 310f.)



Schmeller brachte in seinem Wörterbuch (zitiert nach der von Fromann besorgten Ausgabe) sehr häufig persönliche Bemerkungen unter. Am häufigsten zitiert wird der Artikel (Bd. 1, Sp. 1287) über Körben (Kürbenzäuner).
Auch seine Pfingstreise in das Elternhaus 1841 bot ihm Anlaß zu einer sehr persönlichen Anmerkung:

Meines Bruder Sohn, Georg, hat bey seiner Verehelichung mit der Tochter seines seligen Meisters und der Übernahme des (mit Allem auf 1500 fl. geschätzten) Wagnergütleins zu Rorbach an den Gutsherrn (Herrn von Koch u. dessen Gerichtshalter Escherich) folgende Taxen und Gebühren erlegen müssen (Anfangs 1841):
Ansäßigmachung u. Gewerbsverleihung 7 fl . 1 ½ kr
Grundherrlicher Consens 9 fl 45 kr.
Leibrecht für 600 fl. à 15 proCent 90 fl.
Erbrecht von 270 fl. à 7 1/2 proCent 20 fl. 15 k.
Übernahmsbrief à 1500 fl. 29 fl. 41 kr.
Heiratsbrief à 415 fl. 8 fl. 53 ½ kr.
Zeugniß 49 ½ kr.
Hypothek-Recherche 43 kr.
Schenk- und Hochzeitgeld 2 fl. 37 ½ kr.
Umschreibung 18 kr.
Nachträge: [nicht angeführt] 3 fl. 27 ½ kr.
173 fl. 31 ½ kr.

Ich habe mir das Ding notiert (31. Mai 1841), da ich in Rorbach anwesend. Der gute Georg hat eben – was wollte er thun? – obschon höchlich überrascht, die gutsherrlichen Ziffern, ohne von ihrer Richtigkeit überzeugt zu seyn, mit seinem sauer erworbenen kleinen Peculium dem Hrn v. Koch gehorsamst versilbert. Manches was Hr. v. Koch als leibrechtig angesetzt, z. B. der Gemeindeantheil, der zum Garten gemacht, ist ludaigen. – [...]

Peculium – Privatvermögen
ludaigen – freies Grundeigentum

Dieser Eintrag findet sich unter dem Stichwort „Gerechtigkeit“ (Wörterbuch 2, Sp. 32). Ihm folgen lange Ausführungen zur lehens- und besitzrechtlichen Lage der bayerischen Bauern, die im Vorfeld der Märzrevolution 1848 natürlich auch politisch zu lesen sind.

 


April 2012

2t. April 1829.

Gestern erst gegen Mitternacht herüber von Nachbar Thiersch, wo das Professoren-Kränzchen Thee und Abendessen einnahm, und sich zum Schluß den Champagner-Punsch, der vom Gast Pappenheimer (Kerstorfs Hamburger Bruder) zum besten gegeben wurde, prächtig schmecken ließ. Noch köstlicher aber war das Intermezzo zwischen Thee und Soupee, nemlich der Bericht über die Universität München, den Thiersch aus den hier neuesten Nummern der französischen Mémorial catholique vorlas. Es sind darin, wie sichs versteht Allioloi, Hortig, besonders Döllinger Theolog, der Philosoph Schubert, Franz v. Bader gelobt. Zweideutig Schelling; Ringseis, religiux et aimable (religiös und liebenswürdig), worauf gleich Thiersch folgt, qui est ni l´un ni l´autre (der weder das eine noch das andere ist); Oken cet apôtre du matéralisme (dieser Apostel des Materialismus). Görres bis in den Himmel erhoben. Die Studenten, die ihn zu hören überdrüßig wurden als mauvais Sujets (üble Subjekte) bezeichnet. Buchner Historiker und Othmar Frank seyen abtrünnige Geistliche; dieser gehe mit seiner Gouvernante Arm in Arm spazieren etc. Kurz das Ganze ist ein wahres katholisches geistliches Weibergeklatsch, und löste unser Kränzchen in dem seinigen recht ergetzlich ab.

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 2. Band 1826 – 1852, hg. von Paul Ruf, München 1956, S. 75)

 


März 2012

17. März Gertraud die „Gärtnerin“.[1842]

Der Garten des Hauses in dem ich wohne, vom neuen Besitzer, dem Großbierbrauer Knorr, zu Baulichkeiten verwendet, dagegen die andern, die ich von meinem Fenster aus überschaue, in frischem Grün, und wohlbestellt.
So hat auch der ausrichtsame Thiersch den unter Schellings Obsorge (sine cura !) ganz öd und wild gewordenen Garten der Academie, in der kurzen Zeit, die er jenen Philosophen (ohne Weisheit) bisher vertreten, wieder in einen ganz gedeihlichen Stand gesetzt. Wieder Ordnung in Progels Registratur- und Verlagschaos, in die Verbindungen mit auswärtigen Vereinen, in die Ausgabe academischer Druckschriften; monatliche Gesammtsitzungen und Berichte über die Arbeiten der Körperschaft z. Th. durch die Allgemeine Zeitung veröffentlicht, und vieles der Art angeregt und angefangen – da kommt nun Knall und Fall ein Rescript aus dem Cabinet: Wir haben Uns allergnädigst bewogen gefunden, den Geh. Rath v. Schelling auf weitere drey Jahre zum Vorstand der Academie zu ernennen, und die Leitung der Geschäfte, während dessen Abwesenheit Staatsrath und Vorstand des allg. Reichsarchivs Max Procop Frh. v. Freyberg zu übertragen. Von Thiersch kein Wort.
So wird mit dieser Anstalt, die man doch als die erste wissenschaftliche des Landes angesehen wissen will, in Gnaden verfahren. Max des III. Schöpfung ist zu einem Haderlumpen gemacht. Willkür ist das oberste Gesetz. Jeder Schatten von Autonomie muß gebrochen werden.

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 2. Band 1826 – 1852, hg. von Paul Ruf, München 1956, S. 326)

 


Februar 2012

13t. Febr. [1827]

Abend bey Niethammers. Fast alles war maskiert. Thiersch als Dr. Faust gab eine Art von Drama zum Besten, in welchem auch andre Personen, Professor Schmidlein als Prinz Carneval, sein nettes Frauelein, als Gretchen, Thiersch‘s Frau, Maler Förster und dessen Frauchen, eine Tochter Jean Paul‘s und Andre Rollen hatten. Drauf belustigte sich das junge Volk mit Tanzen bey einer Harfe. Ich, der seit der Burgdorfer Hühnersuppe von 1815 nicht mehr getanzt hatte, ward von der Hofräthin Vogel gefragt, warum ich denn nicht mitmache? Ich sagte, daß ich nicht einmal wisse, ob ichs noch könne. Ey doch! meinte sie. Nun - wollen Sie‘s mit mir wagen?, sagt‘ ich. O ja. So versuchte ich denn einen. Es gieng noch. Und zu dem einen kamen mit verschiednen Tänzerinnen wol noch ein halb Duzend andere.
Die Gesellschaft war gegen 100 Personen stark. Ich verließ sie gegen 1 Uhr, nicht ohne ein gewisses wohlthuendes Gefühl, daß ich dem Leben noch nicht ganz abgestorben.

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 2. Band 1826 – 1852, hg. von Paul Ruf, München 1956, S. 35f.)

 


Januar 2012

1845. 1. Januar.

Als ich am 1. Januar 1814 aus dem Fenster des Gasthauses zum goldnen Kreuz, wo ich Tags vorher, aus der Schweiz gekommen, abgestiegen war, hinausblickte auf die hin und her laufenden Gratulanten, fielen mir besonders die Sterne und die Kreuze auf, die an mancher Brust zur Schau getragen wurden. Ich sah die Dinger mit republicanischen Augen an. Heute, nach 31 Jahren, bin ich ohne mein Verschulden selber zu einem solchen Kreuzträger geworden.
Gestern Abends als ich mich eben anschickte mit Emma zu Martius zu gehen, wo wir das alte Jahr in lieber Gesellschaft abschließen wollten, kam ein Hoflakay (Albert) mit einer Liste, auf welcher unter mehrern, z. B. LegationsRath Weber, O. A. v. Haller, ... Schierlinger, Ober-AppelationsgerichtsRath Kleinschrod, OberKriegsCommissär Putz, ... v. Sutner, Professor Döllinger, Schilcher auch ich mich auf heute 9½ zu Sr. M. beschieden fand.
Und so bin ich denn auch soeben dem Bescheide nachgekommen. Die im Vorsaal Versammelten wurden einer nach dem andern zum König gerufen. Mich empfing er mit dem Ausruf ah, der Gelehrte ... und reichte mir unter einigen Lobsprüchen ein roth Schächtelchen, in welchem, als ich in LegationsRath Weber´s Wagen heimgekommen war, Emma und Max das Kreuz des St. Michaelordens entdeckten.
Meinetwegen; ich kann das Ding ansehen als ein Zeichen der Anerkennung die der König gegenüber den Sprachstudien, namentlich den vaterländisch deutschen und bayerischen, die er in den Jahren 1816 - 17 selber durch reelle Unterstützung gefördert, dadurch ausgesprochen haben will. Wird mein Sprüchlein von einst: Hütet euch vor den Gezeichneten! Von nun an auf mich selbst angewendet werden? Ich hoff es nicht. Das noch zu erwartende Brevet wird mir wohl keine andere Pflicht auferlegen, als die ich mir als Mann und Mensch selbst auferlegt habe.

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 2. Band 1826 – 1852, hg. von Paul Ruf, München 1956, S. 405)

Brevet: hier Ernennungsurkunde.

 


Dezember 2011

SylvesterAbend 1816.

Der Brauch von ein Paar hundert Millionen Christenn und die Empfindung, die sie alle mehr oder weniger theilen werden – macht auch mir diese Scheide Stunden der Jahrzahl 1816 reich an Betrachtungen und Gefühlen, wenigstens reicher als andere Abende, die ich an meinem Pulte stehend mit SprachBrockenSammlung zubringe, oder im schweigsamen Museum sitzend mit Lesen von ZeitungsArtikeln über PreßFreyheit und ständische Verfassungen.
Ach – so wie diese Idee eines Jahres eines Endens und Beginnens – haltlos an sich selbst ist alles Wissen und Hoffen des Menschen – wie das Gleißen eines Steines, das Denken eines Thieres.
Als Mann mit meiner Hausfrau lebend werde ich bald Vater sein.
Das reißt mit Gewalt in des Lebens ängstliches Sorgen und Treiben.–

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 1. Band 1801 – 1825, hg. von Paul Ruf, München 1954, S. 391f.)

 


November 2011

Allerheiligentag. [1825]

Der König sey gestern seiner Gemahlinn entgegengefahren und auf der Dachauerbrücke mit ihr zusammengetroffen.
Diesen Abend besuchte er zu Fuß, an jeder Hand einen seiner Söhne (Max und Otto) führend, unter dem Gedränge der Leute den Gottesacker. Der König, der König! hieß es überall. Ein ganzer Zug von Pöbel, ohne Gefühl fürs Schickliche, besonders von Jungen folgten der seltnen Erscheinung, einem so zu Fuß gehenden König, nicht blos durch den Gottesacker, sondern durch die ganze Stadt bis zur Residenz.

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 1. Band 1801 – 1825, hg. von Paul Ruf, München 1954, S. 549.)

 


Oktober 2011

10t. October.[1838]

Es geht mir diesen, wie jeden Herbst. Wie das Laub sich färbt und abfällt, versiegt bey mir alle Lust an was es immer sey. Ich werde unfähig zu jeder Arbeit. Nur die ziemlich mechanische der Consignierung der Handschriften der Bibliothek – nemlich der pergamentenen im Jesuiten-Corridor – vermag mich – weil ich eben noch im ungeheizten Raume damit fertig werden möchte – gehörig anzuziehen. Ich opfere diesem Geschäfte diesmal auch den größten Teil meiner Ferien, nemlich alle Zeit außer der vom 8t. bis 21. 7ber auf dem Lande zugebrachten.

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 2. Band 1826 – 1852, hg. von Paul Ruf, München 1956, S. 263.)

Die genannte Zeit verbrachte Schmeller „Mit Frau und Tochter“ in Oberaudorf.

 


September 2011

14t. 7ber [1826]

Mit dem Floß in Gesellschaft von einrückenden Urlaubssoldaten gegen 1 Uhr in München angekommen.
Meine Ahnung wegen Scherer hatte guten Grund gehabt. Die Hausfrau überschüttete mich mit Erzählungen von verrückten Streichen, die er vom 7t. bis 11t., wo er als Irrer auf die Policey und von da ins Krankenhaus gebracht worden, angefangen habe.
Am 9t. (Samstag) war er ganz wild meine Treppe heraufgekommen und hatte 3 Schnupftücher und 2 Servietten nebst einem offenen am 6t. d. M. ausgefertigten aber nicht unterschriebenen Ehevertrag zwischen ihm und der Demoiselle Johanna Plank, Pflegetochter des Bierbrauers Franz Xaver Duschl in München bey mir zum Aufheben abgegeben.
Ich gieng in seine Wohnung. Seine Babette empfing mich jammernd in dem einzigen Zimmer, das nicht unter stadtgerichtliches Siegel gelegt war.
Aus ihrer verwirrten Erzählung konnt ich nur soviel vernehmen, daß er zwar am 6t. mit der angeblichen Braut nach Andex gefahren sey, sich aber so gegen sie benommen habe, daß sie noch diesen Abend allein zurückgekehrt und seitdem unsichtbar geworden sey. Er selbst sey den 7t. Vormittag mit Herrn v. Kerstorf hierher zurückgekommen, ohne sich sogleich in seiner Wohnung zu zeigen.
Den 8t. und 9t. sey ein Mädchen nach dem andern zu ihm gekommen. Er habe im bloßen Hemde, bey offner Thüre, selbst in Gegenwart eines kleinen Kindes die unzüchtigsten Dinge vorgenommen und sey überhaupt in diesem Punkte wie wüthend gewesen.
Als sie (Babette), wozu er sie sonst jeden Abend angehalten, das Vaterunser habe beten wollen, habe er sie schweigen geheißen, mit der Bemerkung, Dukaten, Dukaten, das seyen die wahren Vaterunser. In der Nacht zum 10t. habe er durchaus zu ihrer Schwester wollen, diese habe sich aber aus Furcht aus dem Hause gemacht gehabt. Und so sey er denn am 10t. in aller Früh fort, vermuthlich um diese Schwester oder ein ander Mädchen aufzusuchen. Zum Frühstück sey er wiedergekommen. Dann aber sey er, nachdem er seine goldne Uhr und Tabatiere auf den Tisch gelegt, wieder ausgegangen. Seitdem sey er nicht wieder nach Hause gekommen.
Ich gieng zu Kerstorf, der gerade hier ist, hinauf. Er erzählte von Scherers ganz unmitansehbaren Benehmen in Andechs, besonders bey Tisch, auf daß er kein ander Mittel gewußt, als ihn des andern Morgens, von seiner Familie weg, wieder in die Stadt zu bringen. Er erzählte dann von den auffallenden Streichen, auf welche die Policey es für ihre Pflicht gehalten habe, ihn in Verwahrung zu nehmen und ins Krankenhaus zu bringen. Scherer sey in allerley Handlungsläden herumgegangen, um Sachen für seine Braut zu kaufen, und aus mehrern, als ein Unbekannter mit
der einfachen Äußerung, er habe kein Geld, samt den Waaren fortgegangen.
Von Kerstorf gieng ich ins Krankenhaus. Dem Zimmer gegenüber, in welchem voriges Jahr mein Jugendfreund Weiß als Wahnsinniger geendet, lag nun, ebenso auf ein Bett festgebunden, der Freund meines Mannesalters, Behari.
Er erkannte mich sehr wol, erzählte, daß man ihm zur Ader gelassen, und ihm nun leichter sey; er wollte übrigens wissen, von wem ich erfahren, daß er sich da befinde. Ich sagte von H. von Kerstorf. Viel war nicht mit ihm zu reden; ich gieng.

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 2. Band 1826 – 1852, hg. von Paul Ruf, München 1956, S. 20f.)

Joseph Scherer, geb. 1776, war ein weitgereister Mann. Seit 1806 war er an der Hof- und Staatsbibliothek in München tätig, seit 1823 deren Leiter. Scherer hatte Schmellers Bayerisches Wörterbuch angeregt und war dessen nachdrücklichster Förderer, er hatte ihn auch zu seinem Nachlaßverwalter bestimmt. Am 27. November des gleichen Jahres (Tagebuch Band 2, S. 37) notierte Schmeller:
„... Die Inventierung von Scherers Papieren nahm die Commission alle seine Schriften aus dem Zimmer herunter, wo die aus Krenners Hinterlassenschaft vom König Max angekaufte Bibliotheca erotica et obscena steht. Nur einige Blicke in ein paar Bücher, die ich vor dem alten Schrank und Schrettinger mit Ehren wagen konnte, zeigten mir schon, wie sehr der tagelange Aufenthalt in diesen unheiligen Hallen den guten Scherer habe afficieren müssen.“
Scherer starb 1829 in Gumpendorf bei Wien (s. Werner Winkler, Johann Andreas Schmellers Briefwechsel III, 1989, s. v. Scherer).

 


August 2011

13t. August [1825]

Was mir Freund Desberger schon am 11t. vorläufig zu wissen gethan, ich aber, als allzu furchtbar, zu glauben aufgeschoben hatte, mußt ich diesen Abend mit diesen Augen sehen und mit diesen Ohren hören, unsern Freund Weiß – wahnsinnig!
Von Eltmann bey Bamberg, wo er auf der Dreyeck-Messung war, ist er mit seiner Familie, durch den Hauptmann Hartmann geleitet, hier angekommen, um ärztlicher Behandlung übergeben zu werden.
Ehrsüchtige und eitle Einbildungen, deren mir schon früher manche an ihm aufgefallen waren, dieses glühende Feuer abgeschreckt durch einen kalten Aufguß von vermeinten Zurücksetzungen (das amtliche Verbot, den anno 1815 in Frankreich erhaltenen Lilien-Orden zu tagen und drgl.), angestrengtes Arbeiten in der größten Sommerhitze und drgl. mögen die Ursachen seyn, die des Armen Denkkraft in dieser letzten Zeit so ganz aus den Fugen gebracht haben.
Die sonderbarste Äußerung dieser Zerrüttung scheint mir die, daß der Gute gerade das was ihm selbst fehlt, Andern und zwar besonders seiner Frau, seinen Kindern, und seinen Arbeitskollegen zutraut, d. h. sie für verrückt hält, und mit menschenfreundlicher Theilnahme alle bekanntern Cur-Mittel als Aderlassen und drgl. an ihnen vornehmen will.


Den 14t. Aug.

Mit Freund Stölzl und dessen Familie nach Ismaning – da diese Excursion, noch eh wir von Weiß´s Ankunft wußten, schon veranstaltet war.
Ich vernahm bey der untröstlichen Frau Abends, daß der Arme nachmittags von Desberger und Dr. Mörtl ins Krankenhaus gebracht worden sey, wo Bürgermeister Klar, sein Gevatter, die gehörigen Anordnungen getroffen hatte.


Den 15t. Aug.

Wie ich von Bürgermeister Klar auf der Harmonie höre, hat der Unglückliche gestern noch gebunden und dann mit dem Zwangshemde angethan werden müssen.

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 1. Band 1801 – 1825, hg. von Paul Ruf, München 1954, S. 537)

Joseph Friedrich Weiß (1784-1825): Schul- und Jugendfreund Schmellers; s. Winkler Werner (Hg.), Johann Andreas Schmeller Briefwechsel, III Register, Grafenau 1989, S. 161.

 


Juli 2011

Den 5t.[1820]

endlich zeigten sich am frühen Morgen die Bergeumlagernden Nebel von einer günstigern Seite. Wir beschlossen, den Joifen zu besteigen. Unser rüstiger Begleiter war Moser [Forstwart]. An dem schauderhaften Dürachgeklám (Dürəklám) vorbey gieng es nach der Demmelalpe, wo in des Pitzen Hütte bey der Sennerinn Annastásl zugesprochen wurde, und Moser seinen Stutzen ablegte, weil es nun über die tyrolische Grenze ging. In den nächsten tyrolischen Alpenhütten hatte eben auch Johann, des Grafen Tannenberg Leibjäger, dessen wunderlichen Lebenslauf uns Moser gestern auf dem Rückweg aus der Riss zum Besten gegeben, zugekehrt. Von da giengen wir nach der Rothenwand-Alpe, wo unter den tyrolerischen Stozen für einen gewissen Herrnmüller bey Valey in B[ayern] auch ein Schweizer hauset, und sich bei mir mit einer ungeheuern Schüssel herrlichen Rahms gewaltig insinuirte.
Vom Rothenwandhochleger an, war der nackte Bergstock des Joifen zu besteigen vor uns. Bald sagte Beneficiat Bauer, sein Zahnweh lasse in der höhern Region nach. Die Herren waren ganz Auge fur die Pflanzen dieses bis an die Spitze begrasten Berges. Mich erinnerte an den Thumen die neben und unter dem Schnee blühende Soldanelle. Um Mittag saßen wir auf dem Kulm zwischen lebhaft grünenden Alchemillen. Ins flache Land herabschauend konnten wir weithin den weisen Streifen der Isar verfolgen. Tölz schien gerade unter uns zu liegen. München war nicht zu unterscheiden. Größer war die Ansicht in die Gebirgswelt hinein. Man erblickte einen Theil des Achenthals, doch nicht den See. Neben uns glänzte, wie Auracher sich ausdrückte, der Unnutz in Brillantfeuer, nahe lagen die Schleims, die Bách´ (Bäche), die Röttererjöcher etc. Der Schafreuter zeigte seine hohe Stirne nur momentweise von Wolken frey. Beschneite immer höhere Berge schlossen im Süden die Aussicht.
Beim Heruntergehen kehrten wir an der Demmelalpe wieder zu. Während wir bey dem reinlichen Annastásál am reinlichen Herde saßen, ging vom Wald zur andern Hütte nieder, die dem Demmel zu Lengries gehört, im grünen Hut und schwarzem mit grünen Schnüren verzierten kurzen Beinkleid ein gar holder Knabe. Ich konnte nicht umhin auch diese Hütte zu besehen. Der Herd war nicht wie in der andern zu ebener Erde, sondern über einer Treppe. Alles ausnehmend reinlich und einladend. Der holde Knabe war ein blühendes, frohes, freundliches Mädchen, die Sennerinn. Am Fall, wo wir beynahe eingewohnt waren, sangen uns am Abend die Mädchen, Friderike die treffliche Köchinn, und Annál mit den geschwollenen Backen zur Zither allerley vor. Eine lose Zillerthalerin, die dabey war, hatte ich Mühe zu verstehen.

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 1. Band 1801 – 1825, hg. von Paul Ruf, München 1954, S. 422f.)

Johann Andreas Schmeller war seit dem 2. Juli 1820 unterwegs.

 


Juni 2011

16t. Juni. [1826]

Gang zum Ministerialrath Eduard Schenk, dem neuen Vorsteher des Erziehungs- und Cultus-Wesens. Länger konnt´ ichs, schon der Höflichkeit wegen nicht verschieben, den, auch abgesehen von seinem Amte, so achtungswürdigen jungen Mann wieder einmal zu begrüßen.
Es traf sich, daß auch Professor Aurbacher mir im Vorzimmer warten half. Ich schämte mich fast, als er hereinkam und sich wunderte, daß ich „also auch antichambriere“. Herr v. Schenk fragte: Würden Sie nicht geneigt seyn, bey der neuen Universität in Ihrem Fache zu wirken? Ich sagte, wenn ich hingestellt werde, werde ich gerne alles was ich im Stande bin, zu leisten suchen. – Allerdings bin ich der Meinung, daß eine Universität, die, wie die neue, etwas Rechtes werden soll, auch für dieses Fach zu sorgen habe. Herr v. Schenk bezog sich auf das Beyspiel der Anstellung Radlofs. Ich hob die Professuren zu Berlin und Königsberg hervor, kam, mit einem Seitenblick nach Zeune und von der Hagen, auf Lachmann und Graf als gründlichere Männer des Faches, und so auf Grimm zu sprechen, der an der Spitze von allen stehe. Der, sagte ich, wäre wol, wenn etwas Rechtes geleistet werden soll, der Tüchtigste.
Wir haben, fiel Herr v. Schenk ein, den Grundsatz, niemand aus der Fremde herbeyzuziehen, wo wir selbst tüchtige Leute unter uns haben.
(Das Compliment that mir wohl, obschon mir wahrhaftig die Worte, durch die es veranlaßt wurde, aus der Seele gekommen waren).
Ich machte den Mann nun noch, wie es mir eben so sehr Pflicht gegen die Res publica als gegen den Freund schien, auf Desbergers Handschrift über polytechnischen und Universitäts Unterricht [aufmerksam]. Er wünschte, etwa in einem Monat, wenn er einmal minder durch Arbeiten gedrängt sey, dasselbe vom Verfasser mitgetheilt zu erhalten.

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 2. Band 1826 – 1852, hg. von Paul Ruf, München 1956, S. 12.)

Die Universität Ingolstadt, die seit 1800 in Landshut war, wurde 1826 nach München verlegt.
Ludwig Aurbacher (1784 – 1847), Rhetorikprofessor in München.
Johann Gottlieb Radlof (1775 – 1829?), Philologe, Privatgelehrter, befaßte sich auch mit Mundarten.
August Zeune (1878 – 1853), Geograph, Germanist, ab 1810 Professor der Geographie in Berlin.
Friedrich von der Hagen (1780 – 1856), Jurist, Philologe, Herausgeber meist unkritischer althochdeutscher Texte.
Karl Lachmann (1793 – 1851), Philologe, 1818 außerordentlicher Professor an der Universität Königsberg, ab 1827 Professor an der Berliner Universität mit nachhaltiger Bedeutung als Textkritiker und Herausgeber literarischer Sprachdenkmäler.
Eberhard Gottlieb Graff (1780 – 1841), ab 1824 Professor der deutschen Sprache an der Universität Königsberg, u. a. Herausgeber von „Althochdeutscher Sprachschatz“.
Franz Eduard Desberger (1786 – 1843), Mathematiker, Pädagoge und Jugendfreund Schmellers.

(s. Werner Winkler, Johann Andreas Schmellers Briefwechsel III, 1989)

 


Mai 2011

15t. May 1834.

Das alte seit 1814 gebrauchte Siegel habe ich auf den Sieben Bergen verloren. Ich mußte für ein neues sorgen. Die vom Vater gemachte Kürben, die von Emma als heiliges Andenken bewahrt wird, und die ich schon auf der Eltern Denkmal am Eingang der Kirche zu Rohr habe anbringen lassen, hat mir der BürgerCapitain in der Au, Isidor Müller Graveur, nun auch auf einen Siegelring gestochen, mir zu täglicher Erinnerung an den guten Vater und sein Wirken, an dem ich auch als Knabe Theil genommen und ohne das ich (– Zwe mer bauer– ) nie nach Scheiern – und wol auch
nie nach Ingolstadt, München, Madrid, und endlich wider nach München gekommen, sondern wahrscheinlich immer zu Rimberg oder einem anden Dorfe der Gegend geblieben wäre. (Vgl. den Artikel Körben im b. Wörterbuch II S.327).
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Heute feyerte ich des Freundes Martius 11ten Jahrestag seiner Verehelichung mit RegierungRath v. Herder, Mettingh, Zuccarini.
Emma führte mich ins Haus No. 41 der Müllerstraße, um die Wohnung im 2ten Stocke (7 Zimmer zu 200 FL.) in Augenschein zu nehmen. Herrliche Aussicht ins Freye, bis in die Alpen.


16t. May.

Mit der Aussicht ists nichts. Ein andrer hat sie gemiethet.

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 2. Band 1826 – 1852, hg. von Paul Ruf, München 1956, S. 196.)

Dieser Eintrag ist veranlaßt durch einen langen Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 30. April/1. Mai 2011 über den Botaniker Martius, über dessen große und weniger große Taten (Miranha, Yuri). Darin wird Schmeller als „bester Freund“ bezeichnet.
Ruf setzt den Hinweis auf das Wörterbuch tyographisch nicht ab.
"Zwe mer bauer" von Ruf unter Hinweis auf das Wörterbuch II 826 gedeutet als "Wozu [willst Du] mehr, Bauer".

 


April 2011

Schmeller und seine Tochter Emma

Samstag den 11t. März 1820.
...
...
Wo is d Mama? Memeli? Wo´ttl! war ihre Antwort. Die Hand nennt sie: Hannə´, die Suppe: buppi,
wenn sie schlafen will, ruft sie hai! Den Anfang des ihr viel vorgesungenen Liedchens:
Haia popeya
Drey Fischə-l in´n Weiə´
Drey Fischə-l in´n See
Thuət des Weinə´so weh.
Heute verneinte sie das erste Mal, als ächte Baərin mit: na´n.

Donnerstag den 23st. März 1820.
...
...
Emma geht an einer Hand. Am Charfreytag war Emma auf dem Frauenthurm. Die auf den Gassen sich hin und herbewegenden Schaaren nannte sie Pipi!

Am 24t. April 1820
Ist Emma frey gestanden und ein paar Schrittchen ohne sich an irgend eine annə (Hand) oder sonst etwas anzuhalten, den offnen Armen der am Boden sitzenden Mutter entgegen gegangen.

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 1. Band 1801 – 1825, hg. von Paul Ruf, München 1954, S. 417f.)

 


März 2011

2t. März [1833]

Meine liebwerthe Nachbarin Caroline v. St[engel] nach Regensburg zurück.
Gestern war mein Schwager Andreas Heckmeier, der nach der Schwester Tod eine andere Frau genommen, angelangt, um mir die im Jahr 1829 geliehenen 300 Fl. zurückzubringen. Ich meinestheils gebe sie heute an Freund Mettingh zurück. Dieser will von den verfallenen Zinsen Umgang nehmen, wenn ich selbst sie nicht bekomme. Mir scheint der Schwager nicht eben einen solchen Nachlaß verdient zu haben, und darum habe ich ihn angehalten, in drey Weihnachtsfristen 1833--1835 die 36 Fl. zu bezahlen. Dagegen habe ich 100 Fl. von meinem elterlichen Erbe, die die Schwester Johanna für besondere (ihm ohnehin schuldige) Pflege des alten Vaters anrechnete, als von mir selbst empfangen erklärt, so daß ich auf meinem Vaterhaus, das nun fremden Leuten gehört, nur noch 100 Fl., vom Todestag der Schwester Johanna 13t. April 1832, an zu 4 proc. verzinslich liegen habe. Meinen Antheil von den 50 Fl. Rückfall habe ich dem Bruder Joseph und der Schwester Cordula cediert.

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 2. Band 1826 – 1852, hg. von Paul Ruf, München 1956, S. 154)

 


Februar 2011

Zum Tode des Freundes [vgl. Eintrag vom Januar 2011] erfuhr Schmeller Folgendes:

6t. Febr. 1824.

.....
Im Wirtshaus zu Traubing, wo wir [Schmeller und Metting] Kaffee tranken, erkundigten wir uns über die nähern Umstände des Unfalls. Gruner hatte hier, ungewöhnlich lebensfroh zwey Schöpplein Wein getrunken, mit den Töchtern des Wirthes geschäkert, mit dem Schullehrer über seine Schule gesprochen und war dann, nachdem er sich mit dem Weilheimer Boten, auf dessen Wagen er bis hieher gefahren, abgefunden, – mit dem Weilheimer Müller Bernbacher, dessen Kunst in Fertigung besonders feinen Mehles er mir oft gerühmt, auf dessen einspänniger Chaise gegen 7 Uhr Abends weiter gefahren. Nach drey Viertel Stunden war der Müller, der ziemlich betrunken war, ins Wirtshaus zurückgekommen, klagend, daß er umgeworfen und daß ihn der verdammte Gruner, statt zu helfen, im Stich gelassen habe, und allein seines Weges fort gelaufen sey. Als Leute vom Wirt mit hinauskamen, wo die Chaise lag, und diese aufstellten, fiel in derselben Gruners entseelter Körper von der einen Seite des Sitzes auf der andern. Man zog ihn in der Chaise herein, und brachte ihn in die geheizte Stube eines von der Straße entlegenen Bauernhauses. Es wurde der Pfarrer, der Gemeindevorsteher etc. herbey geholt, und zum Landgericht Botschaft gesendet. – ...

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 1. Band 1801 – 1825, hg. von Paul Ruf, München 1954, S. 496)

Johann Samuel Gruner (geb. 1766) stammte aus Bern und erwarb sich große Verdienste und Kenntnisse im Fach Geologie. Später wanderte er nach Bayern aus und nahm, als Vorgesetzter Schmellers, an den Befreiungskriegen teil. Schmeller war Trauzeuge Gruners, Gruner wiederum Vormund von Schmellers Tochter Emma. (s. Werner Winkler, Johann Andreas Schmellers Briefwechsel III, 1989, s. v. Gruner)

 


Januar 2011

31st. Januar 1824.

Emma´s Namenstag. Für Max ein paar Bände von Barthelemys Anacharsis holend, trat ich Mittag aus der Hofbibliothek, als mir Weiller begegnete, und in seiner trocknen Manier gratulierend, die Kunde gab, daß so eben die Bestätigung meiner Wahl zum außerordentlichen Mitglied der Akademie von Seite der Regierung eingegangen sey. Ich möchte mich, des Nähern wegen, dieser Tage im Büreau einfinden.–
Immer ein seltner Wurf! Daß er mir gelungen, freut mich. Darum bin ich aber um kein Jota mehr werth: so wie ich mich, wär er nicht gelungen, um kein Jota weniger werth gehalten hätte. Im Gegentheil muß ich jetzt vielleicht das angenehme Selbstgefühl, sich eines bessern Verhältnisses würdig zu glauben, mit den unangenehmen vertauschen, der neuen Stellung nicht vollkommen Genüge thun zu können.
Das Unglück schreitet schnell.
Daß Hauptmann Gruner, der noch vor wenigen Tagen meine Emma und mich besucht hatte, in der Nacht auf den 1st. Febr. auf dem Wege zwischen Starnberg und Traubing umgeworfen worden und todt geblieben sey – mußt ich den 3t. Februar auf der Gaße von Oberkirchenrath Wismayr und dessen Schwägerinn zu meinem tiefsten Leide erfahren. Ich konnte die furchtbare überraschende Kunde kaum glauben. Auf dem Weg nach Schönfeld bestätigte sie mir der Stadtcommandant. In dem Hause, aus dem ich nun schon drey liebe Menschen für ewig geschieden wissen muß – war in Beysein Brunners und Butz´s der Commandantschafts-Auditor Brugger beschäftigt zu obsignieren.
Der Edle Rastlosforschende und Wirkende – Er hat nun Ruhe!
Herr Professor Aurbacher bringt mir sein Büchlein: „Philologische Belustigungen aus der Brieftasche eines oberdeutschen Schulmeisters 1824.“

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 1. Band 1801 – 1825, hg. von Paul Ruf, München 1954, S. 494)

Der Tod Gruners beschäftigte Schmeller erheblich; er, Auditor v. Muck, Oberbuchhalter Brunner und Actuar Obermüller reisten nach Starnberg, um die Leiche, die bereits in Traubing beerdigt worden war, nach München überführen zu können. Dies war umständlich und erforderte bürokratischen Aufwand. Am 8. Februar traf die Leiche in München ein; bei der Öffnung des Sarges erhob sich der Verdacht, Gruner sei erdrosselt worden. Nach der Beerdigung verfaßte Schmeller noch einen Nachruf auf den Freund.
Dies alles geschah, während gleichzeitig das Procedere und die Formalitäten um die Aufnahme Schmellers in die Akademie vonstatten gingen.

 


Dezember 2010

6t. December (Νικόλαος) 1832

Am Morgen 9 Uhr sollte K. Otto abreisen. Unzählige Menschen in den Höfen der Residenz und vor derselben bis zum Hofgarten. Auch ich darunter mit der Tochter. Mit Broulliot dem Monogrammatographen und dem alten Galleriedirektor Dillios wurden die Alleen einige Male abgelaufen. Aber es gieng gegen 11 Uhr, ohne dass die brillanten Herren oben an den Fenstern der Vorzimmer ihre Stellung verrückten. Es wurde dem Töchterlein zu kalt – und da es doch wahrscheinlich war, daß der Weg nach Rosenheim über den Theaterplatz gehen würde, warteten wir zu Hause am Ofen.
Ein gewaltiger Schrey Hoch! erscholl, wir sahen die Wagen am Hause vorbey fahren und liefen, weil Emma den rückwarts sitzenden jungen König nicht recht hatte ins Auge fassen können, noch nach dem Isarthor, wo ich ihm ein herzliches Heil! Heil! nachrief.

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 2. Band 1826 – 1852, hg. von Paul Ruf, München 1956, S. 151)

Nach dem Ende der Osmanenherrschaft über Griechenland wurde Otto, ein Sohn Ludwigs I., dort König. Schmeller schildert hier seinen Auszug aus München.

 


November 2010

7. Novemb. [1844]

Aufwartung beim Minister Abel (weiland in Salzburg mit mir Ober-Lieut. im 1. Jägerbatallion), dessen Schwelle ich bei diesem Anlaß einer üblichen Danksagung das erste Mal betrat. Der Empfang war, was er oft nicht seyn soll, überaus artig und freundlich. Ich ließ Worte fallen über den Nachtrag zum b. Wörterbuch, über eine Stellung zur Universität, falls Maßmann nicht wiederkehren sollte, über den Druck des Manuscripten-Catalogs der Bibliothek – alles ohne bestimmten Antrag. Und so konnte er alles plausibel seyn lassen. Nur was den letzten Punkt betrifft, ließ er einiges Bedenken durchblicken, weil dann alles preisgegeben sey. Dermalen ist es durch Sugenheims Buch und durch Max Fr. v. Freyberg und die exclusiv katholische immer intoleranter werdende Partei bereits dahin gebracht, daß kein Manuskript an andere als an solche Personen, die vom Ministerium als hiezu privilegiert erklärt werden, verliehen werden darf.

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 2. Band 1826 – 1852, hg. von Paul Ruf, München 1956, S. 403)

Nach dem Weggang Maßmanns aus München wurde Schmeller 1846 Ordinarius für altdeutsche Sprache und Literatur.
Max Fr. v. Freyberg ist wohl der Historiker und Leiter des Reichsarchivs Max Prokop von Freyberg.
S. Sugenheim, Baierns Kirchen- und Volkszustände seit dem Anfang des XVI. bis zum Ende des XVIIIten Jahrhunderts, Gießen 1842 (Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, Anmerkungen und Register, München 1957, S.66f.)

 


Oktober 2010

20. October 1843.

Gegen 10 Uhr brachte Claraevallensis die Nachricht, der König habe sich auf ¾ auf 1 Uhr zum Besuch der Bibliothek ansagen lassen. Se. Mt. habe auf Anfrage erklärt, man habe in Uniform zu seyn. Alles lief sich in Pontificalia zu werfen. So erwarteten wir die Mt. am Eingang des Gebäudes. Der König, der zu Fuß gekommen, ließ sich jeden von uns namentlich vorstellen. Schrettinger in seinem StiftsherrnHabit mit goldenem Kreuz vor der Brust, mich mit dem Kanonenkreuze. Erst als ihm Claraevallensis meinen Namen sagt, erinnert er sich desselben – ah, der berühmte in Sprachen .... ! sagte er, erinnerte sich an dem Erzkreuz auch, daß er mich als Leutenant gekannt. Krabinger fehlte. Schmidhammer in einfacher geistlicher Kleidung, Föringer, Wiedmann und Würthmann in Uniform.
Die Treppe hinansteigend sprach er mit Claraevallensis über Liszt´s vorgestrig Concert –, freute sich der Treppe, die wohl nicht ihresgleichen habe .... Wie bald wohl die Million Bände voll seyn werde? Im Lesesaal blieben wir Dii minorum gentium zurück und ließen die Mt. und Claraevallensis allein die weitläufigen Räume des Hauses durchschreiten. Nach etwa einer Stunde kam der König noch durch die Arbeitszimmer bis zu dem meinigen, wo ich eben die blauen (griechischen) Catalog-Quartblätter in die übrigen (weißen) einlegte. Was ist das? fragte er. Der Catalog oder das Repertorium über alle Namen von Personen und Orten, die in unseren Handschriften vorkommen. Se. Mt. verbeugte sich und gieng ihre Wege zurück.

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 - 1852, 2. Band 1826 - 1852, hg. von Paul Ruf, München 1956, S. 362f.)

Dii minorum gentium = Götter aus den geringeren Geschlechtern, den weniger Prominenten, wohl in Anlehnung an Cicero (Büchmann, Geflügelte Worte).

 


September 2010

28st. 7ber [1827]

Ein Diener des Cadettencorps bringt mir eine Zuschrift, worinn mir das Corpscommando folgendes Rescript mittheilt:
No. 8913. Königreich Bayern. Kriegsministerium an das Cadettencorpscommando.
S.K M. haben die vorgeschlagene provisorische Ernennung des practicierenden Oberlieutenant Schmeller zum Professor der deutschen und lateinischen Sprache am Cadettencorps mit einem seinen gegenwärtigen Bezügen als practicierender Officier und zeitlicher Lehrer gleichkommenden Gehalte von jährlich 832 Fl. bis auf weiters allergnädigst zu genehmigen geruht.
Welches dem Cad.C.C. auf den allerunterthänigsten Bericht vom 2t. d. Ms. zur geeigneten Verfügung eröffnet wird.
München den 25st. 7ber 1827.
Auf Sr. K. M. allerhöchsten Befehl Maillot. Durch den Minister der Generalsekretär Fr. v. Heppenstein.

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 2. Band 1826 – 1852, hg. von Paul Ruf, München 1956, S. 50)

 


August 2010

6t. August 1806

Mein 21t. Jahr erreicht – wenigstens schon ein Drittel meiner wahrscheinlichen Lebensdauer vorüber! – Und was hab ich schon gethan, wie lange habe ich gelebt? Wenn dies mein Sterbetag wäre, mit welcher Empfindung würde ich auf mein Dasein zurückblicken?


22t. August 1806

Ob ich mit Herrn Voitel nach Madrid gehe, ob der Weg zu meiner wahren Bestimmung, auf die mein Karakter und meine Neigungen mich hinweisen, sich mir öffnen wird: hängt von einem Ja des Herrn Oberst Wimpffen ab, der so lange nicht von Barzelona zurückkömt!!


24. Aug. 1806

Ich werde nicht nach Madrid gehen. Sollte ich als ein lästiges Barmherzigkeitsgeschöpf mich dem Haup[t]manne aufdringen, und dadurch auch auf all meine Selbstständigkeit Verzicht thun? Ich erklärte mich heute gegen ihn, und meine Ahnung schien sich an ihm zu bewähren. Vielleicht an der Regimentsschule werde ich mich für die gute Sache mit mehr Eigenkraft bilden können. -
Boston. -


Tarragona, 14. September 1806

Ich werde nach Madrid gehen.

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 1. Band 1801 – 1825, hg. von Paul Ruf, München 1954, S. 148)

Schmeller starb 1852, er verschätzte sich also nicht zu sehr.

 


Juli 2010

[1823] Den 21st. Jul.

sah ich bey Scherer einen jungen Hutmachergesellen von Stubenberg bey Braunau Namens Franz Kronecker, der nicht blos in Wien, Berlin, Stockholm, Copenhagen, London, Paris, Madrid, sondern auch als „Cuss“ (Pilgrim) in Alexandria, in Cairo, auf einer Pyramide („Rame“), wo er sich die arabischen Ciceronis nur durch die Äußerung „mam fischflus“ (ich habe kein Geld) habe vom Halse schaffen können – in Jerusalem, im Thal Josaphat etc. in Aleppo, Constantinopel etc. gewesen ist.
Er will sich und manche mitgebrachte Merkwürdigkeiten, Muscheln, Münzen, einen türkischen TabakrauchApparat, eine spanische Bota, und besonders mehrere religiöse Gegenstände während der Dult zeigen – und wenn sich jemand der Redaction unterzieht, seine Reise im Druck herausgeben.

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 1. Band 1801 – 1825, hg. von Paul Ruf, München 1954, S. 469)

Der Reisebericht erschien tatsächlich 1824 in München unter dem Titel „Reise des Hutmachergesellen Franz Kronecker aus Stubenberg kön. Landgericht Simbach in Baiern nach dem gelobten Lande, nebst einer Uebersicht seiner durch Europa während eines Zeitraumes von 21 Jahren gemachten Wanderungen.“
Bota: Weinschlauch

 


Juni 2010

24. Juny 1849.

Sonntag und längster des Jahres.
Zweifelhafter Himmel, zweifelhafter Zustand meines Linken, der sich seit ein paar Wochen mehr als früher fühlen läßt, zweifelhafte, ja mehr als je in Frage gestellte Einheit des deutschen Vaterlandes.
Daß der Staat ein Verein ist der Habenden gegen die Nichthabenden, eine Actiengesellschaft (Allg. Zeitung S. 2621), ist durch der drei Könige Wahlgesetz nun förmlich ausgesprochen. Das Geld ist der Maßstab für die Rechte. Zehn, die zusammen 100 Gulden Steuer geben, haben zusammen eben so viele Rechte an der Leitung des Gemeinwesens, als je hundert, ja als je tausend, die zusammen eben auch 100 Gulden steuern. Sollten, wo es darauf ankommt, nicht Geld und Gut, sondern ein Bischen mehr, nemlich Leib und Leben zu steuern, folgerichtig die Zehn nicht eben so viele Soldaten stellen, als die Hundert, und als die Tausend?
Der Sohn des Besitzlosen (nach dem jetzt beliebten Ausdruck: des Proletars) soll gegen Nichts, das ihm die Gesellschaft gewährt, das Einzige, das Höchste was er hat, seine Person hingeben – diesen Hauptpunct faßt auch der np der Allg. Zeitung Beilage 2875. 2889 nicht nach Gebühr ins Auge – und in diesen Tagen entschieden gerade um das hergekommene Helotenthum neu zu befestigen.
Auf die Unbesonnenen, die nicht bedacht haben, wie fest die Habenden zusammenhalten sey es auch nur durch die Kraft der Trägheit, wird nun, vielleicht während ich dieses schreibe, in den schönen Rhein- und Neckargefilden von allen Seiten her königliche blutige Jagd gemacht.
Ich gehöre auch zu den Habenden, und habe nie auf anderes Besserwerden im Zustand Aller als durch allmähliche Reform angetragen. Aber ich bin von Haus aus ein Nichtshabender gewesen, alle Gedanken und Empfindungen der Nichtshabenden habe ich auch gedacht und empfunden und die königlich preußischen und drgl. Siegesberichte über die unglücklichen deutschen Brüder kann ich nur mit sehr gemischten Gefühlen lesen.

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 2. Band 1826 – 1852, hg. von Paul Ruf, München 1956, S. 498f.)

 


Mai 2010

23. Mai 1849.

Unsre Brüder Pfälzer am Rhein, vom nächsten Stammlande unsres Königshauses als Rebellen erklärt durch Eckenanschlag des hiesigen Ministeriums. Jam proximus ardet Učalegon. Das glaubt auch der alte König Ludwig. Er hat heute eine Anzahl Kistchen mit Papieren, die 25 Jahre nach seinem Tode sollen geöffnet werden, der Bibliothek zur Aufbewahrung übermacht. (Sie sind im obern Cimeliensaal niedergelegt). Auch ich Armer habe mein sauer erworbenes Peculium auf der Bibliothek sicherer geglaubt, als in meiner Wohnung, die, seit kurzer Zeit mit dem Hause ein Eigenthum des jungen, zur Stunde flüchtigen, Julius Knorr, bei möglichen Schild-Erhebungen vielleicht mehr von den loyalen Weißblauen als von den Schwarzrothgoldnen, zu denen der neue Hauseigenthümer notorisch zählt, oder gar von den Rothen könnte zu besorgen haben. Ist doch allmählich alles roth geworden – nicht blos die Democratie, auch die Monarchie, die sich durch den Mund des neuen Ministers von der Pfordten als selbst einen Bürgerkrieg nicht scheuend erklärt hat. Man will das Könígreich wieder ins Herzogthum Bayern zurückregieren. Damit wird auch jenes mein Peculium (Papiere für baares dem Königreich Geliehenes) in wenig oder nichts aufgehen.

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 2. Band 1826 – 1852, hg. von Paul Ruf, München 1956, S. 497f.)

Iam proximus ardet / Ucalegon. Schon steht das Haus des Ucalegon (Nachbar des Aeneas) in Flammen. (Vergilius, Aeneis)
Peculium: eigentlich in Vieh bestehendes Eigentum, aber auch andere Formen von Vermögen und Eigentum, hier wohl Staatsanleihen.
Zimelien: übertr. Kleinodien, Kostbarkeiten.
Julius Knorr war wohl jener J. K. (1826-1881), der später Verleger der "Neuesten Nachrichten"/"Münchner Neuesten Nachrichten" war, ebenso Mitbegründer des Volksbildungs- und Arbeiterbildungsvereins des deutschen Nationalvereins, der bayerischen Fortschrittspartei und der Freiwilligen Feuerwehr München. (www.bautz.de/bbkl)

 


April 2010

2. [April 1849]

Ich kaufte bei Mai & Widmair die Tafel mit den Grundrechten des deutschen Volkes – nicht ohne den bittern Gedanken, daß sie vielleicht bald als schöne Träume des Jahres 1848 unter die Antiquitäten gehören könnten: so entschieden ist kraft unvordenklicher Gewohnheit die Macht der Cabinette und der Bajonette wieder oben auf. Und Recht hat immer der Stärkere. Daß die 290 einen erblichen Kaiser gewählt, ist nicht nach meinem Sinn, so sehr ich glaube, daß Deutschland nicht an Österreichs fünfrädrigen Wagen gespannt werden darf.

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 2. Band 1826 – 1852, hg. von Paul Ruf, München 1956, S. 496.)

Im Zuge der Märzrevolution trat in der Frankfurter Paulskirche eine Nationalversammlung zusammen. Auch Johann Andreas Schmeller war als Kandidat im Gespräch. Die Nationalversammlung verabschiedete eine Verfassung mit einem Grundrechtekatalog und trug dem preußischen König die Kaiserkrone an. Dieser lehnte ab. Schmellers Befürchtungen waren allzu berechtigt. Bereits im Juli 1849 war die Revolution faktisch geschlagen.

 


März 2010

Montag den 16. Merz 1835

endlich gieng der feyerliche Act unter Beyseyn obiger Zeugen [Anm.: bei der Verlobung waren als Zeugen Bartholomä Stölzl und Hofballetdirector Joseph Schneider] zuerst in des Dompfarrers Hauscapelle, (wo auch Emma mit den Töchtern Reutner einen Betschemel gefunden hatte), und unmittelbar darauf, um 5 Uhr Abends unter Schneegestöber, in der protestantischen Kirche vor sich. Dekan Boeckh kam zur Trauung vom Gottesacker her, wo er eben einen jedenfalls Glücklichern (Culmann) ins ewige Brautbett gelegt hatte.
Freund Martius überraschte noch den Abend mit 4 Argentan-leuchtern und einem Hochzeitgedicht, Mettingh mit einem sinnigen Brieflein, in welchem ein (später abgeladener, stattlicher) Großvaterstuhl angekündigt wurde. Auch Freund Stölzl und Herr Schneider (Emma´s bisheriger Vormund) beschämten uns nach der Hand mit schönen Monumenten auf den 16. Merz 1835. Der König schnitt dagegen, von diesem Tag an, die Hälfte der monatlichen 10 Fl., welche Juliana A[uer] seit ihrer ersten Vermählung aus der Königlichen Privatcasse bezogen (unter Max waren es 12 Fl.), ab.
Meine Verehelichung erspart auch dem Staat monatlich 11 Fl., der Porzellanmanufactur-Brudercasse 3 Fl., welche die Witwe bisher bezogen. Was ich also erheiratet, ist ein Minus von monatlichen 19 Fl. oder vom fünften Theil meiner bisherigen Rente, eine Frau, die nicht mehr hoffen darf, Mutter zu werden, und zwey erwachsene, auf ihr Wissen und Können angewiesene Söhne. Aber ich habe recht gethan.

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 2. Band 1826 – 1852, hg. von Paul Ruf, München 1956, S. 207f.)

Juliane Schmeller, verwitwete Auer, 1781 in Zweibrücken als J. Harm geboren, evangelischer Konfession, s. Winkler Werner (Hg.), Johann Andreas Schmeller Briefwechsel III Register, Grafenau 1989, S. 137; zum Verhältnis zu Juliane Auer/Schmeller. s. a. die Beiträge zu den Monaten Mai 2008, Mai und August 2009.
Argentan, auch Neusilber genannt, ist eine Nickel-Kupfer-Zink-Legierung.

 


Februar 2010

7. Hornung 1802

Nachmittag machten wir wieder unsre gimnastischen Übungen auf einem Zaune im englischen Garten. Stölzl fiel einmal herunter und beschädigte sich an der Brust. Als wir nach Hause giengen versahen wir uns mit Proviant, ich nahm mir um 2 Kreuzer Laibeln. So auch Gebhard, Stölzl aber um einen; zu Hause aber hatte er die Güte ohne meinen Willen mir eines zu entwenden. Ich sagte ihm in vollem Ernste, er sollte mirs zurükstellen. Nichts weniger. – Er biss, mir zum Troze darauflos, und hielt mich zum Narren. Diess brachte mich aus der Fassung, ich pakte ihn, und nahm ihn ein wenig unsanft an der Brust, doch so bald ichs merkte liess ich ihn fahren, worauf er mir noch ein paar tüchtige in´s Gesicht versezte – Was hätte so ein Bagatelle noch verursachen können? Sanftmuth! Sanftmuth! warum hast du mich verlassen? –

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 1. Band 1801 – 1825, hg. von Paul Ruf, München 1954, S. 57)

Bartholomäus Stölzl (1783-1858), später Oberberg- und Salinenrat, war Schmeller in lebenslanger Freundschaft verbunden.
Dismas Gebhard (1784-1846) war ein Jugendfreund Schmellers.

 


Januar 2010

Samstag, den 20st. Januar 1827
...
...
Es ist neun Uhr Abends. Ich höre türkische Musik, die schöne Häuserreihe des Rindermarktes erhellt sich. Der König fährt vorbey an der Spitze einer langen Reihe von Schlitten, deren jedem ein paar Fackelträger vorreiten. Gruppen von Zuschauern schreyen: Ho – Ho – Hoch! König Ludwig nickt freundlich – Du kriəgst nicks, du kriəgst à´ nicks! Wie eine boshafte Hermeneutik dieses freundliche Nicken nach allen Seiten auslegt.

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 2. Band 1826 – 1852, hg. von Paul Ruf, München 1956, S. 35)

 


Dezember 2009

Christabend 1833.

So schreibt Schwester Cordula: An meinen Herrn Bruder
Wiell geliebter Heer Bruder Ich Winsche Innen Ein gutes Neües Jahr Ich Winsche das sie so
wollauf sind wie ich ich danke vier alles gute Gott wolle eich behieten.
Nicht leicht hätte mir ein lieberer Brief heute zukommen können, nicht leicht ein besser geschriebener. Die Gute sagt in wenig Worten alles was sie mir zu sagen hat. Ach sie hat einst die dürren Schlehen, Birnen und Zwetschgen, die Haselnüsse und Herrnäpfel mit mir getheilt, sie die herzige Mutter am heiligen Abend aus dem streng gehüteten Vorrath herabbrachte von der Dillen.
In den Zimmern nebenan glänzet um den flimmernden Christbaum eine Fülle der kostbarsten
Bescherungen für die drey kleinen Grazien des Hauses (Caroline 8 J., Ernestine 5 Jhr., Marie 3 J.). Sie werden kaum glücklicher seyn, als wir es gewesen bey unsern dürren Schlehen und einem Kreuzermesserchen, das der Vater hinzugelegt haben mochte. ... ...

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 2. Band 1826 – 1852, hg. von Paul Ruf, München 1956, S. 191)

 


November 2009

[1823] Am Allerheiligentag 1st. November

in Gesellschaft dreyer Zöglinge des Neuburger Seminariums und einem „sehr vorlauten“ Doctor N. N., der zu seinem Bruder nach Ingolstadt reiste, nach Pfaffenhofen gefahren. Von da zu Fuß nach Rimberg. Gleich am Hochgarten dem Birnbaum zu. Von da sah ich den alten Vater an einem langen Stabe den neuerworbenen Garten herabwanken. Auch er hatte mich alsbald erblickt. Als ich hinabkam bis hinters Haus kam er mir schon aus der Hinterthüre entgegen. – Ach – die Mutter sey sehr krank. Ich hinein. Sie lag sehr leidend auf der Loderbank in der Stube. O mei~ Andrelə! Die vorige Nacht hatte sie immer mit mir zu thun gehabt; sie hatte in der Phantasie allerley gepackt um es mir zu schicken. Un nun war ich da. Das war also Vorbedeutung.
Ich brachte diese Nacht im väterlichen Hause zu und hatte lange Muse, der Mutter Leiden, der
Schwester Johanna treue Sorgfalt, und auch des Vaters durch manches Ächzen sich äußernde Gebrechen zu beobachten. Den Sonntag und Montag drauf logierte ich beym Pfarrer, den äußerst schmutzigen Weg zwischen Rohr und Rimberg oft hin und her laufend.
Um 1700 soll ein erster Schmeller als verabschiedeter (preußischer ?) Soldat sich als Krämer zu Griesbach angekauft haben, sagt (1834) die auf dem Krämerhause geborene Walburga Schmeller.
In einem der Jahre 1832–34 war eine zeitlang ein Maler Schmeller aus Weimar zu München. Ein lebensgroßer Göthe von ihm war 1827 an den Kaufmann Engelhard verkauft worden. Flora 1827.
Nr. 256

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 1. Band 1801 – 1825, hg. von Paul Ruf, München 1954, S. 479)

Es folgt ein Stammbaum der Familie Schmeller, wie ihn der Autor von seinen Eltern gehört hatte;
Loderbank: eine um den Stubenofen angebrachte Bank zum Ruhen, s. Lorenz von Westenrieder, Glossarium germanico-latinum ...

 


Oktober 2009

13t. October 1825

… Heute morgen gegen 8 Uhr kommt der junge Auer zu mir ins Zimmer. „Herr, ich bringe eine höchsttraurige Nachricht. Der König ist todt.“
Bald darauf traf Desberger ein, mit derselben Neuigkeit. Ich gieng aus. Die Residenz war gesperrt. Überall wo vor einem Hause eine Schildwache stand, waren zwey, wo sonst zwey standen, wie bei Wrede, waren vier. Die Straßen von Leuten durchwallt, die sich hie und da in stille betroffene Gruppen zusammenthaten. Von 11 bis 12 Geläute mit allen Glocken. Um 12 Herumreiten eines Herolds, welcher kund that im Namen des Ministerrathes, der König Max Joseph sey diesen Morgen gestorben, und diese Nachricht bereits an S. Majestät den jetzt regierenden König Ludwig abgegangen.
Bei Martius, dessen Frauchen überdieß stündlich der Entbindung entgegen sieht, traf ich alles in tiefer Bestürzung.
Nachmittags Spaziergang und Ideenaustausch mit Freund Stölzl. König Max hatte das Fest beym Russen wirklich für seine Person (die Königin und die Princessinnen blieben länger tanzend und sich wol unterhaltend) schon nach 9 Uhr verlassen. In Nymphenburg angekommen sagte er zum Kammerfourier Bossard: Nicht wahr ich bin recht ordentlich? Die da drinn mögen fortmachen so lange sie wollen. Ich lege mich in mein Bett. (Er pflegte überhaupt bey Zeiten zu Bette zu gehen, aber auch früh aufzustehen). Es ist Sitte, den König um 6 Uhr, wenn er nicht schon sonst wach ist, zu wecken. Um 6 Uhr sieht der dienstthuende Kammerdiener Jacobezki zum König hinein. Er schläft noch, nach seiner Weise die rechte Hand unter den Kopf gelegt, die linke nach der Schelle ausgestreckt. Jacobezki ruft. Der König antwortet nicht. Jener ruft öfter. Nie eine Antwort. Er tritt näher befühlt die Hand, die Stirne. Alles kalt, steif, todt. ...

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 1. Band 1801 – 1825, hg. von Paul Ruf, München 1954, S. 541)

 


September 2009

Der September war Schmellers Reisezeit. Im Jahre 1840 kehrte er von seiner Spätsommerreise am 14. Oktober nach München zurück und rekonstruierte dann im Tagebuch seine Exkursion:


7t September 12 Uhr Mittags

im Eilwagen Lebewohl zugerufen den Lieben, die mich im Posthof noch scheiden sehen wollten, Emma, Franz, Stölzl.
Die Reisegesellschaft unbedeutend. Um 8 Uhr wurde zu Landshut ein Abendbrod genommen, dann die Nacht über auf dem Wege.


8t. (Dienstag, Mariä Geburt) 4 Uhr Morgens

in der alten Regensburg angekommen. Es war kaum Zeit im Engel ein Frühstück zu nehmen, geschweige in den wegen des 1100 jährigen Jubiläums besonders ausgezierten Dom zu treten, da schon um 5 Uhr der weiterführende Eilwagen über Burglengenfeld, Schwandorf nach Amberg abgieng. In Amberg 1½ Mittag im Lamm. Ich hatte den Rest des Tages über Zeit diese weiland protestantische Hauptstadt der Pfalz mit seiner [!] alterthümlichen Kirche, worin einst bedeutende Lichter der Reformation gepredigt, mit dem Schloß und andern alten Gebäuden der Pfalzgrafen zu durchwandeln, auch auf den aussichtreichen Mariahilfberg zu steigen, welcher, Dank dem mittelalterlichen Sinne K. Ludwigs, wieder eine kleine Colonie Minderer Brüder beherbergt, aber auch im modernen Sinne von einem vornehmern Bewohner Ambergs zu einer Art Park, mit niedlichen Gebäuden, benutzt ist.

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 2. Band 1826 – 1852, hg. von Paul Ruf, München 1956, S. 277)

 


August 2009

München, den 6t. August 1819

An dem heutigen, wie eben fast jedem der letztverflossenen fünfhundert Tage hingesessen ans Pult, ein Dutzend Sammlungen und Bücher nachgeschlagen, um Blättchen zu fertigen mit Artikeln für das Mundartwörterbuch. Emma kriecht oder rutscht vielmehr ganz lustig unter den aufgeschlagenen Folianten herum. Auf einmal klopft man. Schnell wird die unsichtbar seyn sollende Kleine ins Zimmer der Mutter hinübergenommen und die Thüre zwischen diesem und dem meinigen geschlossen.
Zur Thüre, die gegen die Küche ausgebrochen ist, tritt herein der Direktor von Koch, als Hofmarksbesitzer von Rohrbach mein Bekannter.
Man geht im Zimmer auf und ab, setzt sich aufs Kanape, erzählt und klagt sich gegenseitig – nicht ohne Umsicht – gar mancherley, bis man sich endlich zum AbschiedsCompliment durchkämpft. Nun ruf ich Wasser! Rock und Stiefel! Alisi bringt das eine, das andere hat die Übelhörige nicht verstanden, bis ich ihrs lauter wiederhole. Ich ziehe mich an, geh durch den Hofgarten, sehe nach, welche Bücher Ehrentreichs Stummerl eben zu verkaufen ausgelegt habe, und begebe mich von da auf die Harmonie, um die Zeitungen zu lesen. Nachdem ich mich an dem lächerlichen feurio und den Kamptziaden der preussischen Staatszeitung weidlich geärgert geh ich mit verdorbenem Appetit nach Hause, um das einsame MittagsMahl einzubringen, wobey die Unterhaltung mit Emma den Nachtisch bildet. Den Abend füllt ein ebenfalls einsamer Spaziergang durch den englischen Garten über die Wiebekingische Brücke nach Bogenhausen und zurück auf dem hohen Isarufer aus.
Am Abend werden des Hermann van Aken fremde Tiere besehen. Der Engländer läßt die brüllende Löwinn über seinen Stock und aus einem Käfig in den andern springen, hält der wild aufstehenden ein Stück Fleisch vor den offnen Rachen und zieht es ungestraft wieder zurück. Die beyden jungen Löwen, königlich knurrend (mit einem Miaun ohne M) ließen sich von den Zuschauern wie Schoßhündchen streicheln und auf den Arm nehmen. Und mein 34ster Geburtstag hat wahrlich sonst nichts merkwürdiges, als daß ich an demselben einen Löwen gestreichelt.

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 1. Band 1801 – 1825, hg. von Paul Ruf, München 1954, S. 412f.)

Vielleicht bezieht sich Schmellers Verstimmung über die Lektüre auf Presseberichte über die Karlsbader Konferenz, die an seinem Geburtstag 1819 eröffnet wurde und zu den restriktiven Karlsbader Beschlüssen führte.
Emma, die Tochter Schmellers mit seiner Vermieterin Juliane Auer, war ein uneheliches Kind und wurde erst durch Schmellers Ehe mit der Mutter 1835 legitimiert. Zum Zeitpunkt der Niederschrift war Emma ein gutes Jahr alt.

 


Juli 2009

(1831) 9t. July

Da ich Abends 7 Uhr eben am Wörterbuch–Artikel der Scheuhen sinniere, wird durch Rosine ein Brief hereingebracht, in welchem Schwester Johanna berichtet, daß gestern um 2 Uhr Nachmittag der gute alte Vater – gestorben. Morgen werde Er begraben.
Ich klage nicht, Edler, über dein Ende, ich werde es auch über meines nicht. Wer sollte nicht wünschen aufzuwachen aus diesem angsterfüllten Traum des Seyns!
Mein Vater (s. Tagebuch 1823 1. November)
war geboren 1753 17. Merz
gestorben 1831 8. Juli
78 J. 3 Mon.
Meine Mutter geboren 1750 (?)
gestorben 1825 21. Merz
75.


Samstag den 16t.,

nachdem ich bis gegen 11 Uhr noch einige von v. Frau Martius eingeführte Damen, darunter die beiden Fräulein Fikentscher, Töchter des Deputierten, und Fräulein Fischer aus Bayreut etwas von den Bibliothek-Schätzen hatte sehen lassen, mit dem Ingolstadter Boten Fischer nach Pfaffenhofen und Sonntags den 17. ans Grab des guten Vaters und in den Gottesdienst zu Rohr.
Am Montag dem Bruderschaftsamt für den Seligen beygewohnt, und wieder nach München zurück.
Schwester Johanna rechnete mir für das, was sie über ihre Pflicht für den alten bey ihr im Austrag lebenden Vater gethan, einhundert Gulden auf.

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 2. Band 1826 – 1852, hg. von Paul Ruf, München 1956, S. 131f.)

Im Tagebuch unter dem 1. November 1823 schrieb Schmeller auf, was er über die Familiengeschichte von seinen Eltern erfragt und gehört hatte.
Der Eintrag zu Scheuhen findet sich im BWB II, 389.

 


Juni 2009

Schmeller ist Oberleutnant beim freiwilligen Jägercorps des Illerkreises.

Den 14. Juni 1814

Durch eine Voltigir – Musik – Essen – Wein – Punsch – Tanz – Feier von Oberst v. Üchtriz Geburtstag in Rentmeisters v. Braun Gartenhaus verband ich das Gestern mit dem Heute. Es war eine bacchanalische Freude. Und doch war mir heute früh so wohl, daß ich mit Lust und ohne rohe Eier-Frühstück exercirte. - Überhaupt war auch der heutige Abend ein herrlicher, ich war so muthwillig, alle hübschen Mädchen mußten angesprochen werden. Ach in Ländern, wo solche Abende gewöhnlich sind, muß doch ein ganz anderes Volk erzogen werden, ein lustigeres, lebensfroheres! Wäre doch eine Colonie von Deutschen in Italien, Griechenland, KleinAsien, Chili! Es sollte eigentlich jede Europäische Nation solche Colonien haben, dann wäre die Erde gerechter vertheilt.

20st. Juni 1814

Es war gestern ein Ball im Adler veranstaltet. Ich ermannte mich. Vier Turen tanzt´ ich – zum erstenmal in meinem Leben in zahlreicher Gesellschaft mit Wohlbehagen durch den weiten Sal. – Niedliche Fanny v. Finser, Gräfin v. Eptingen (die mich oft an meinen Eptingen in Rudolf von Habsburg erinnerte, ihm vielleicht verwandt ist) und ein Fraülchen Vegle waren meine Tänzerinnen. Um halb 4 Uhr Morgens führt ich Fanny nach Hause. Bei der abgezirkelten Nüchternheit unsers Gesellschaftslebens ist dieses Walzen doch noch eine schöne Übung der reinen Überlassenheit den unschuldigern Regungen der Geschlechtverschiedenheit. Durch sie kann jeder Mann jedes Weib ohne Nachreue auf eine Art genießen, die selbst dem höchsten Genuß vorzüglich – im gegenseitigen Hingegebensein und Halten und Fortgehobenwerden auf den Flügeln der Töne.

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 1. Band 1801 – 1825, hg. von Paul Ruf, München 1954, S. 252)

 


Mai 2009

Den 31t. May 1829.

Ein Nichts ist der Mensch mit seinem Sinnen und Trachten. Alles hängt ab von Zufälligkeit.
Der Zufall wollte, daß am 24t. Januar 1816 N[anny] W[eigand] im Salzburg-Münchner Postwagen saß, den ich, durch Wispaur von Traunstein im Schlitten hergeführt, in Stein erwartete.
Der Zufall wollte, daß ich, nach Angaben des Wochenblattes in München ein Zimmer suchend, am 31t. Januar 1816 zur Witwe Madame Auer gerieth. Die eine half dem guten dummen Jungen aus den Schlingen der andern, um ihn in ihren eignen festzuhalten. (Salzbäder, Einräumung des vordern Nebenzimmers etc.). Das Verhältniß hatte seine natürlichen Erfolge. Versuche, es zu brechen (z. B. beym Ruf nach Arau) wurden durch Ohnmachten und Verzweiflungsactionen auspariert.
Am 4t. Juni kam Emma zur Welt. Dadurch war das Band noch fester gezogen; es war und blieb aber nur ein Band der Noth, nicht der Liebe.
Im May 1827 gelang es, nach schweren Kämpfen, dem Wohnen unter einem Dach ein Ende zu machen.
Im May 1829, als ich mich frey vom Militärverbande und endlich einigermaßen im Stande sah, vor Gott und der Welt eine Frau zu haben, mir auch unter der Hand verschiedene Partien vorgeschlagen waren (........), ließ ich dennoch immer mehr den Gedanken reifen, mein Kind, wie groß auch das Opfer sey, zu ehlichen, nemlich die Mutter – zu heirathen. Nur wollte ich die Sache nicht übereilen, und mir die volle Freyheit bewahren, wenn ich ein anderes Wesen, das meinem Sinn entsprechender
wäre, finden sollte, dann noch abzuwägen, ob die Pflicht gegen mein Kind der Sorge für meinen eigenen innern Frieden weichen müsse oder dürfe.

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 2. Band 1826 – 1852, hg. von Paul Ruf, München 1956, S. 84)

Am 25.Januar 1816 hatte Johann Andreas Schmeller über besagte Nanny geschrieben:
... Der Postwagen kam, und war, o Wunder nur von einem jungen hübschen Mädchen besetzt, das wie ich nun erfahren habe, Nanny Weigand heißt, und aus ihrer Heimath bei Schweinfurth dem Lieutenant v. Delling vom 2t. Regiment nach Salzburg nachgezogen und nun, wer weiß wie, wieder abgedankt ist. Ich konnte nicht umhin, mit dem DonnersMädel etwas leichtfertig zu sein, und so weit ists gekommen, daß sie nun auf meinem Zimmer und beinahe nicht mehr von mir fortzubringen ist. ...

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 - 1852, 1. Band 1801 – 1825, hg. von Paul Ruf, München 1954, S. 372)

 


April 2009

Ostertag (4. April 1847).

Beschneit sind die Felder, die Dächer sind weiß ...
Nun blühet am Fenster – kein Blümchen von Eis.

Was mich in Wahrheit eher drückt als eitel macht ist ein in der Allg. Zeitung vom Charfreitag Nr. 92 S. 732–3 erschienener überschwenglicher Bericht „J. A. Schm.‘s Vorlesungen über deutsche Sprache“ betitelt. Dasselbe Gefühl konnte ich auch gestern nicht los werden bei dem Fest-Essen auf der Menterschwaig, das auf Professor Dr. Thomas‘ Veranstaltung von einigen meiner Zuhörer von 1847 und von weiland 1827 mir zu Ehren gehalten wurde. Dazu war das Wetter nichts weniger als festlich gestimmt. Es regnete unaufhörlich. Doch machte sich in im freundlichen Saale allmählich eine ziemlich heitere Stimmung der Geister geltend.
Ich stellte in meinem Dankspruch den Wagner voran, der obschon er sich leidlich auf alle Theile des Wagens verstehe, dennoch eben nicht recht zu fahren wisse.
....

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 2. Band 1826 – 1852, hg. von Paul Ruf, München 1956, S. 454)

Beschneit sind die Felder ....: ich kenne das Zitat nicht, Schmeller hat es aber offensichtlich sehr gut gefallen, wenigstens am 1. Mai 1826 und am Christtag 1842 verwendete er es außerdem in seinem Tagebuch.

 


März 2009

Sonntag. 21st. März Aequinoctium

Ich suchte durch Weglassung von 9 Unzen Blutes auch mein Verh... in´s Gleichgewicht zu bringen, um nicht fürder den lästigen Eingenommenheiten des Kopfes und allerley Beklemmungen ausgesetzt zu seyn.
Als Aderlaßfeyer-Lectüre nahm ich meinen Thümmel zur Hand, den ich schon vor 9 Jahren in meinem freundlichen allzukurzen Quartiere in Schnait (bey Schorndorf) zu lesen angefangen hatte. Ich fand, daß die natürliche Margot von Caverac, noch mehr aber das heilige Clärchen in Avignon mein übrig gebliebenes Blut noch ziemlich in Wallung setzten. Dazu kam zum Überfluß in Ingermann´s Wachsfiguren-Cabinet das optischtäuschende Hinabblicken auf eine Aphrodite, von welcher der schlaue Cicerone durch die Bewegung eines Mechanismus, pour la bonne bouche die letzte Hülle wegnahm.

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 1. Band 1801 – 1825, hg. von Paul Ruf, München 1954, S. 499f.)

Verh ...: unklar;
Moritz August von Thümmel (1738 – 1817), Reisen in die mittäglichen Provinzen von Frankreich im Jahre 1785 – 1786;
Cicerone: (wortreicher, geschwätziger) Fremdenführer;
pour la bonne bouche: das Beste zuletzt oder zum guten Schluß.

 


Februar 2009

1 Hornung 1802

Was ist Glük? diese Frage kann ich mir nie ganz auflösen. Ich denke, wir wissen es nie, wenn wir freudig sind. Nur ein gewisses Vergessen unsrer selbst, wo alles Nachdenken, wo alle andre Wünsche schweigen, kann uns bei einer angenehmen Affizirung unsrer höhern oder niedern Sinnlichkeit, auf einige Augenblike das verschafen, was man Glük, Wohlsein etz. nennt. Aus meinen Kinderjahren erinnere ich mich vieler solchen Augenblike, denn wie klein waren da noch meine Wünsche. Bei einem dieser Augenblike verweile ich beim Rückträumen jener Zeiten besonders gerne. Es war im Jahre 1794, als ich nach dem Abzuge der Franzosen mich wieder um meinen vorjährigen Studieraufenthalt Kloster Scheiern umsehen wollte. Diess war der einzige Ort, an dem ich meinen unüberwindlichen Hang zum Studium befriedigen konte, an einen ansdern liess mich meines Vaters Geldbeutel gar nicht denken. Ich muste mich daher zu Ende der Vakanz aufmachen, und bei den fetten Jüngern des magern St. Benedikt mein Heil versuchen, zu welchem Ende mir meine Mutter einen Korb hübscher, langersparter sogenanter Mareschantsger-Äpfel auflud. Sobald ich in den heiligen Mauern angelangt war, begab ich mich mit meiner Bürde sogleich zu seiner Hochw. und Gnaden, den Herrn, Herrn Prälaten. Lange stand ich in Höllenangst vor seiner Thüre, und meditirte, ob ich nicht schnurstraks wieder zur Mutter heimkehren sollte, als ich im Zimer ein Geräusch vernam. Ich ermannte mich, und klopfte mit zitternder Hand an der Thüre, als sie aufgieng, und der heilig-schrekliche Man in selbsteigner Person heraustratt. Ich trug ihm meine Bitte ganz treuherzig vor, als ich aber nicht[s] als Negationen von Seite seiner vernahm, stürzte ich mit Thränen zu seinen Füssen, und deutete mit flehenden Bliken auf meinen Korb, den ich aber zu öfnen vergessen hatte. Hätte ich das nicht vergessen, ich weis gewis, er hätte den einladenden lächelnden Baken meiner Äpfelchen so wenig widerstehn könen, als sein hochlöbl. Ordensstifter den lokenden purpurnen Wangen seiner Verführerinnen widerstehn konte. – So mußt´ ich doch an allem meinem Unglük durch meine Ungeschiklichkeit selbst Schuld sein ! – Kurz alles war umsonst, ich verliess die Ottos Mauern um eine meiner Haupthofnungen weniger. All meine Studenten- und Pfarrerträume waren schreklich zertrümmert, ich sah im geiste schon wieder den Dreschflegel und Hirtenstab in meinen Händen, und taumelte wie im Traume den Klosterberg hinab.
Bis izt hatte es betändig geregnet, als ich aber auf die entgegengesezte Anhöhe kam, hörte es auf und die Sonne brach im herrlichsten Glanze aus den Wolken hervor. Rund umher hiengen die Regentopfen wie Perlen an Bäumen und Sträuchen, die Kuppel der Kloster Kirche schimmerte wie vergoldet, und alles war wie durch ein Zauberlicht erhellt. – Ich sezte mich auf den nächsten Zaun, machte schön sachte meinen Korb auf, sah die die prächtige Szene umher, und biss einem meiner Äpfel nach dem andern die schönen süssen rothen Wangen ab, – und wenn ich diesen Augenblik nicht glücklich war, so werde ich es in keinem andern mehr.

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 1. Band 1801 – 1825, hg. von Paul Ruf, München 1954, S. 55)

Ottos Mauern bezieht sich wohl auf den Stifter, den bayerischen Herzog Otto I.

 


Januar 2009

5t. (5. Januar 1847)

zu derselben Stunde die zweite, 11ten und 12ten die dritte und vierte Vorlesung. Ich hatte das Literarhistorische über die jugendlichst verschollene und nur auf einigen beschriebenen Blättern auf uns gekommene der deutschen Mundarten, die gothische besprochen, und wollte ihr sodann von der zur ältesten gewordenen, der gemeinen, in der wir uns selbst bewegen, aus entgegen gehn.
Gestern kam Dr. Thomas (Professor im Cadettencorps) zu mir auf die Bibliothek, im Namen einiger Zuhörer, insbesondere auch eines Barons Reischach, der gestern mit unter denselben gewesen, mich zu ersuchen, daß ich gerade bei den jetzigen oberdeutschen Dialekten länger, als ichs Willens schien, verweilen, ja denselben die im Semester noch übrigen etwa 16 Stunden ganz und gar widmen möchte. Gerne: -- und es ist mir lieb, daß man gerade diesem Gegenstande so viel Gunst erzeigt.
Fortdauernd Zahnschmerz.
Des Bruders Joseph selig unweltläufiger jüngster Sohn, wie man von Rimberg und Hohenkammer aus klagt, zu Lichtmessen wieder dienst- und obdachlos. Ich schreibe heute an Georg, man solle versuchen, denselben zu einem andern Handwerk in die Lehre zu geben, ich wolle abermal ein Lehrgeld daran wagen; gienge das nicht an, so sollten die Verwandten wechselsweise ihn bei sich behalten, für jeden Tag wolle ich sechs Kreuzer vergüten. (Dies hier, um in der Folge zu wissen, was ich versprochen).

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 2. Band 1826 – 1852, hg. von Paul Ruf, München 1956, S. 448)

Seit dem 4. Januar 1847 hatte Schmeller neben dem Bibliotheksdienst auch die Lehrtätigkeit an der Universität wieder aufgenommen.
Über den „unweltläufigen“ Neffen äußerte sich Schmeller in seinem Tagebuch unter dem 1. Juli 1844:
„Den als Blödsinniger geltenden Seppel hat Cordula in ihrer Verzweiflung zu einem Schuhmacher (Joh. Reiter) zu Ankhofen in die Lehre gethan. Ich habe ihn da mit ihr besucht. Man sagt uns, er lerne nichts und könne nichts lernen. Sechzehn Jahre alt, sieht er aus und hat auch Fingerchen wie ein neunjähriges Kind. Gar kein ‚Gemerk‘ habe er. Dennoch hat er, mich allein gegen Pfaffenhofen begleitend, ganz Sinniges geäußert. Sollte irgend ein ungeahntes Talent in ihm stecken? -- Ach, daß ich nicht kann, wie ich möchte!“ (S. 373).

 


Dezember 2008

[1826] 29st. Xber

… In der Christnacht war wieder Mette, das zweite Mal nach langer Zeit, in der sie auf den Morgen verlegt gewesen. In Sendtner´s Eos ist dieser Umstand zu einer artigen Fiction benutzt.
Ein junger Bayer, der nach dem Verbot, die Mette um Mitternacht zu halten als Knabe öfter die Mähr gehört hatte, daß nun hie und da um diese Stunde die Kirchen geisterhaft beleuchtet gesehen worden seyen und daß man darin Orgel und Gesang gehört habe etc. kommt voriges Jahr in der Christnacht um die Mitternachtsstunde aus weiter Fremde in sein väterliches Dorf zurück. Mit stillem Schauer sieht er die Kirchenfenster beleuchtet, hört im Vorbeygehn Orgelton und Gesang. Nach einigem Kampfe, gewinnt ers über sich, diesen Geisterspuk näher zu beschauen. Die Kirche steht offen, er tritt hinein. Unter der geisterhaften Menge in den Stühlen glaubt er bekannte Gesichter zu sehen, ja in einem sogar seinen alten Vater und seine alte Mutter. Nicht nur er, auch sie scheinen erstaunt. Sie kommen auf ihn zu, reichen ihm die Hand. Mit Grauen läßt er die seinige ergreifen. Aber der Druck ist nicht wie von Geistern, er ist von Lebenden und das Grauen löst sich in die seligste Scene des Wiedersehens auf.
Ach, so ward auch mir vor 12 Jahren zwar nicht gerade zur Weihnachtszeit das Wiedersehen meiner aus dem winterlichen Gottesdienst heimkehrenden guten Eltern. Sie hätten mir heuer nicht mehr die lebende Hand gereicht.

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 2. Band 1826 – 1852, hg. von Paul Ruf, München 1956, S. 32)

 


November 2008

Andreastag 30. 9ber 1836

Warmer Scirrocohauch weht über die etwas verblüffte Stadt zu mir her ins einsame Kämmerlein. Gottlob, ein paar kleine Mahnungen ausgenommen habe ich selbst mit den Meinigen noch nichts gekostet von dem Kelche, der über diese 80-90000 Menschen ausgegossen ist. Unter den 15-27 Opfern, die täglich fallen aber ist mir mancher der mir nahe geht. Brulliot der heitere Nachbar im Kupferstich-Cabinet, Frau v. Maiuer (der Kerstof Schwester), Fräulein v. Wiesentau Erzieherinn im Anger-Institut und Hausfreundin der Familie Mettingh, Secretär Maier (im Kriegsministerium) – General Tausch, dem ich die Cadettencorps-Chicanen längst vergessen habe. Am tragischsten ergriff der Tod des hellenischen Gastes Mauromichalis, der unter dem Dache der Königsburg, und der seines Gefährten Miaulis, der in einer Herberge Uffenheims ferne von Hellas geendet.

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 2. Band 1826 – 1852, hg. von Paul Ruf, München 1956, S. 237)

Am 30. November feierte Schmeller, der sich viel lieber als Andreas angesprochen hörte denn als Johann, normalerweise seinen Geburtstag.
1836 war er erst am 25. September von einer längeren Reise nach München zurückgekehrt. Der nächstfolgende Eintrag betraf bereits die Opfer des im Text genannten „Kelches“, der Cholera, die 1836 in München wütete.
Von den von Schmeller genannten Personen seien hier erwähnt:
Franz Brulliot lebte von 1780 bis 1836 und war Konservator der Münchner Kupferstichsammlung. Generalleutnant Tausch hatte 1827 Schmellers Unterricht im Kadettencorps wohl als zu laut und zu lebhaft gerügt. Der hellenische Gast Mauromichalis war ein bekannter griechischer Politiker, der König Otto I. von Griechenland, einen Wittelsbacher, auf seine Reise in die Heimat begleitet hatte, dort an der Cholera erkrankte und starb. Antonios Miaulis, war der Sohn eines berühmten griechischen Kriegshelden, auch er hatte König Otto nach Bayern begleitet.
Im Dezember erkrankten auch Emma und ihre Mutter Juliane, genasen aber wieder.

 


Oktober 2008

8ber 20. Montag (1833)

... Nachmittags ritt ich, um einmal auch diese Reisemanier zu versuchen, auf der Mähre eines verdorbenen Meraner Müllers, der mich tüchtig schnürte, ins Passeyrthal bis in des seligen Sandwirths Haus.
Noch lebt dessen Witwe, die was ihr gegen ein Übel an den Füßen angerathen worden, den ganzen Tag die Tabakpfeife im Munde führt. Die, nicht eben freundliche Tochter ist an einen stattlichen Mann, ehmals hier Hausknecht verheiratet. Sie tischte mir treffliches, in Brantewein eingemachte Trauben auf. Übrigens nichts im Hause, was an seinen ehmaligen von Poeten dieß- und jenseits des Canals besungenen Herrn erinnern könnte. Bestimmte Fragen an die Witwe oder die Tochter über den als Rachopfer gefallenen zu richten, schien mir, dem von München gekommenen gar zu unzart. Ich schlief in der obern Stube, wo vielleicht beym Tosen der wilden Passer manche Scene des „Trauerspiels in Tyrol“ besprochen oder vorbereitet worden ist. Aus unfreundlichen Träumen weckte mich nach Mitternacht ein gewaltiger Schlag an die Thürschnalle. Ich sprachte den Geist mit fester Stimme. Er murmelte etwas von Licht – und verkam. Vielleicht der Meraner-Führer, der sich noch eine Zulage holen wollte.

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 2. Band 1826 – 1852, hg. von Paul Ruf, München 1956, S. 189)

Der Sandwirt ist Andreas Hofer, der den Aufstand der Tiroler gegen die Bayern und die Franzosen führte und am 20. Februar 1810 erschossen wurde.
Thürschnalle = Türklinke

 


September 2008

Schmeller verreist

Sonntag den 20. 7ber 1835

packte ich Frau und Tochter und Czerny in eine Ansbacher Retourchaise, um einmal wieder die heimatlichen Hütten zu besuchen. Zu uns gesellte sich Herr Maier, Lehrer in Ansbach, der uns viel erzählte von dem rätselhaften seligen Caspar Hauser, der in der letzten Zeit bey Meier gewohnt hatte und seiner Aufsicht untergeben gewesen war. Auch er hält, aus hundert kleinen Zügen schließend, den nun erlösten für einen Betrüger, aber von nicht gemeiner Art. Schnell habe der, um Chevauleger zu werden, in Nürnberg angekommene das, wofür ihn Einige in ihrer kurzsinnigen Gutmüthigkeit hielten, begriffen, und sich in die Rolle einstudiert, die er, um was sie an ihm haben wollten, fortwährend zu scheinen, spielen müsse. Er hatte Ehrgeiz genug, jedes Mal wo er sich auf die Schliche gekommen sah, lieber sein Leben als seinen Roman daran zu setzen. Daher die frühern und endlich der letzte, leider gelungene, Selbstentleibungsversuch.
Was die Männer, die den Unglücklichen näher zu kennen und zu durchschauen im Fall waren, längst, aber wegen der Compromittierung sehr hoher Personen, nicht blos Feuerbach und Lord Stanhope, die sich als Gläubige in die Sache gemischt, nur unter sich ausgesprochen, brachte endlich der Ritter v. Lang ritterlich und rücksichtslos durch einen Journalartikel zur allgemeinen Sprache.
Beym Fahren durch Reichertshausen ermangelte ich nicht, meinen Leutchen von Jacob Pütrich und seinen wol im hiesigen Schlosse weiland bewahrten deutschen Büchern zu erzählen, als ein Reiter, vermuthlich ein Student von Pfaffenhofen, an den Schlag gesprengt kam, mit dem Bescheid, hinter uns auf der Straße liege ein schwarzer Hund, ein Rattenfänger, den wir überfahren hätten, todt. – Es war unsrer treuer Czerny, und groß der Jammer meiner Leute, der ganz und gar das Mittagsmahl verbitterte, das wir im Schatten der fruchtreichen Zwetschgenbäume des Gärtchens an der Kirche zu Altenstadt einnahmen.
In Rimberg (Ronniberch) gedachten wir uns bey Schwester Cordula einzuquartieren, allein Pfarrer Joh. Ev. Bumüller (vor kurzem noch Caplan in Klein-Nördlingen) holte uns sammt und sonders nach seinem Domicilium zu Rohr, wo wir denn auch volle acht Tage in aller Herrlichkeit residierten. Die Frau half der Mutter (nicht des Herrn Pfarrers sondern der kürzlich nach Österreich auf Besuch verreisten Antonia Messerschmid, seiner Köchin) die Küche versehen. Emma spielte auf dem neuen Sailerischen Flügel, ich quälte mich in der Hasellaube des Gärtchens mit einer dem Verfasser leider versprochenen Recension von Xylander´s Sprache der Albanesen.

Nachmittags giengen jene aus, Hagebutten zu Hetschepetsch zu sammeln; ich schlenderte auf den Schauplätzen meiner träumerischen Jugend umher. Das mir bittersüß gewesene Ingolstadt wurde mit seinen neuen Thürmen und Wehren in der mehr als 40 Ortschaften zeigenden Donau-ebene wenigstens mit den Augen besucht.

(Johann Andreas Schmeller Tagebücher 1801 – 1852, 2. Band 1826 – 1852, hg. von Paul Ruf, München 1956, S. 213f.)

Chevauleger: Reitersoldat der leichten bayerischen Kavallerie;
Joseph Ritter von Xylander, Die Sprache der Albanesen oder Schkipetaren Frankfurt a. M. 1835;
Hetschepetsch: Hagebutten, zu Brey verkocht und mit Zucker eingemacht; rohe Hagebutte (Schmeller BWB);
Ingolstadt wurde ab 1828 erneut zur Festung ausgebaut.

 


August 2008

Schmeller feiert Geburtstag


6. August 1833.


...Ein regnichter Morgen begann das 49ste. Nachbar Mettingh sendete durch seinen Dominik mit der Allgemeinen Zeitung eine freundliche Begrüßung deshalb und Einladung auf Mittag Ich dankte, in Hoffnung, das Mittagmahl noch gemüthlicher mit der Emma am Tische halten zu können.

Um 8 Uhr mit Collega Rott die hinterlassenen handschriftlichen Arbeiten des seligen Landrichters zu Rosenheim v. Klöckel angesehen, um zu bestimmen, wieweit es für die Bibliothek wichtig seyn könne, sie zu ersteigern. Von 9 bis 10 Vorlesung über germanische Literaturgeschichte für unser jüngeres Bibliothekpersonal (Föringer, Würthmann, Ritter, Rummelsberger) – (sei Juny jeden Dienstag und Samstag). Von n10 bis 2 Uhr Ausscheidung der Handschriften der Bibliothek, welche bisher bunt durcheinander gestanden nach den ursprünglichen Orts- Stifts- und Klosterbibliotheken, aus denen sie vor 30 Jahren zusammengerafft worden. Heute die Bibliothek des Klosters Aldersbach wieder contrerevolutioniert.

Um 2 Uhr zu Emma. Ihre französischen und italienischen Aufgaben corrigiert und abgehört – darauf ein ganz gewöhnliches Werktags-Mahl – und auch keine Spur eines Gedankens, welche Bedeutung dieser Tag für den Vater habe, in der Tochter oder in der Mutter Gesicht. Sonst hatten sie es jedes Jahr gewußt. Dießmal hätt ichs selbst sagen müssen. Mir that es leid, Mettinghs Einladung abgelehnt zu haben. Von 4 bis 5 Chinesische Vorlesung mit noch etwa 6 Zuhörern bey Neumann. Nun ein wenig an dem Artikel Wandel vom b. Wörterbuch gearbeitet. Aber es wollte nicht recht gehen, denn ich glaubte, den Rest des Tages am besten zuzubringen, wenn ich der Tochter Freude machte. Ich suchte sie, um ihr die Tuldspektakel den Ashante, die Eskimaude, die Malayen etc. sehen zu lassen. Die Thür aber war geschlossen. Im Gewühl der Tuld fand ich wol den wedelnden Czerny, aber Mutter und Tochter nicht. Zufällig traf ich den ehmaligen Collegen im Cadettencorps Professor Wagner (den ich bereits auf dem ihm jüngst übertragenen Lehrstuhl der Geschichte am Regensburger Lyceum vermuthet hatte) mit Hauptmann Kretschmer. An der protestantischen Kirche vorbey, die heute das erste Mal von der Bauumplankung frey war, gieng ich mit nach der Reichenbacherbrücke, um die Verheerungen anzusehen, die am 3ten die aus den Ufern getretene Isar angerichtet hatte.

Hauptmann Kretschmer, etwas unwohl, war froh wieder an seinem Hause, vor welchem zwar ein paar Wochen hindurch tödtendes Gepauke einer Seiltänzermusik, zurück zu seyn.

Wagner gieng – einem jungen v. Hinsberg, Sohn des Nibelungen-Übersetzers, der nach Griechenland berufen ist, die Hand reichend – bis an meine Thüre. Ich lud Wagner ein, mit herauf zu kommen. Er that´s. Bald darauf kam zufällig auch Freund Stölzl. Ich benutzte dieses zufällige Beysammensein lieber, sich durch Salzburger Erinnerung sogleich befreundeter Leute, ließ den Rest der ProbeBouteillen, die Dr. Volcker von Neustadt a. d. H. mir vor kurzem angehängt hatte, aus dem Keller holen – und wir saßen bis spät in der Nacht recht traulich beysammen.

So ward dieser 49ste Geburtstag – von mir recht incognito gefeyert. Er stehe hier als ein Echantillon der andern Tage aller, die ich durchvegetiere.


(Johann Andreas Schmeller, Tagebücher 1801 – 1852, 2. Band 1826 – 1852, hg. von Paul Ruf, München 1956, S. 158)

Zu Mettingh siehe Juni 2008; ähnlich eng war die Freundschaft Schmellers mit dem Oberberg- und Salinenrat Bartholomäus Stölzl.
Echantillon ~ Probe, Muster.

 


Juli 2008

[1826] Den 21st. Juli.

Es war mir gar nicht besonders wohl diesen Morgen bey der Fahrt nach Ismaning, und während der Sitzung. Und gerade heute sagte mir der Prinz, „daß die Mutter wünsche, meine persönliche Bekanntschaft zu machen“. Der alte Graf Méjean führte mich hinab in ihr Haus.
Die auch jetzt noch schöne Frau, (einst mein Jugend-Ideal, von der ich in Tarragona mit Stolz gelesen, „ambos son modelos de seu sexo“) trat in ganz einfachem Anzuge heraus in den Saal, begrüßte mich freundlich, mit dem Beysatz, daß sie viel Vorzügliches von mir gehört etc. und sich freue, mich kennen zu lernen etc. etc. Dann natürlich gieng die Mutter auf ihr Kind über. Meine Bemerkung, dass ich ihn für sein Alter sehr unterrichtet gefunden, und dabey so gemüthlich, so kindlich, (welches Wort sie Anfangs nicht recht auffaßte), that ihr ungemein wohl.
Sie will ihn nun allmählig auf seine Volljährigkeit vorbereiten, damit er nicht auf einmal in die Welt hinausfalle.
Er hat ein großes Vorbild an seinem Vater, sagte die Fürstin mit Bedeutung.
Dann war vom schnellem Sprechen des Prinzen die Rede. Sie bemerkte im Deutschen sey es noch auffallender als im Französischen, übrigens eine Familien-Erbschaft.
Von ihrer ältesten Tochter, der schwedischen Kronprinzessin, rühmte sie das ernste tiefe Wesen. Das läßt gut, sagte ich, der künftigen Königin des Nordens. So gieng sie, bald an den Grafen bald an micht gerichtet, mit der liebenswürdigsten Unbefangenheit ihrer Kinder alle durch, und schloß: ich kann mich denn doch glücklich preisen als Mutter.

(Johann Andreas Schmeller, Tagebücher 1801 – 1852, 2. Band 1826 – 1852, hg. von Paul Ruf, München 1956, S. 15)

Schmeller war 1825 Privatlehrer des Prinzen August von Leuchtenberg geworden. August war der älteste Sohn der bayerischen Prinzessin Augusta und ihres Gatten Eugène de Beauharnais, des Stiefsohnes Napoleons. Seine ältere Schwester Josefine war verheiratet mit Oskar I., König von Schweden.

 


Juni 2008

Hornbach den 22t. Juni 1815.

Am 20st. früh 12 Uhr marschirten wir von Miesau ab. In Landstuhl sammelte sich das Bataillon und marschirte über die sogenannte Höhe, auf welcher wir wieder nahe bei Miesau vorbeikamen – nach Zweibrücken. Durch. Die 2t. und 4t. Compagnie kamen nach Altheim, wo ich bei dem liebenswürdigen, in Schönberg kennen gelernten Ehepaar Schuler durch einen der glücklichsten Zufälle einquartirt wurde. Ich saß behaglich an dem Abendessen und weidete mich an der Wirthin besonders ansprechenden großen braunen Augen, als Ordre kam, die II. Compagnie müsse auf der Stelle nach Hornbach aufbrechen. Es regnete in Strömen. Ich ließ mit Wehmuth meine Wirthe, bei denen ich wenigstens zwei Tage zuzubringen gehofft. Wir kamen in Hornbach an, und wurden in 4 großen Scheuern untergebracht. Gestern musst ich im schrecklichsten Wetter und Weg eine Patrouiile nach Mausbach und Grossteinhausen machen. Die vergangene Nacht hatte ich das Commando der Reserve. Mettingh ist auf Vorposten. Es verlautet von Treffen bei Landau, in welchen die baier. Division Delamotte anfangs übel zugerichtet, durch Unterstützung des Kronprinzen von Würtemberg 1500 M[ann] und 6 Kanonen genommen. Heute geht die 1st. und 3t. Compagnie als Morells Division links seitwärts ab nach Remschweiler.


Bivouacg vor Dieuze de 26t. Juni 1815.

… … Es handelte sich darum Holz und Stroh zu haben. Bei der III. Compagnie Morell hieß es auf einmal: nun ist uns alles preis. Es gieng auf eine Kapelle mit Einsiedelei (HermansCapel), und auf einen Ziegelhof zu. Anfangs sah man unsere Leute nur von den Kirschbaümen des Einsiedlergartens Zweige und Äste mit Kirschen herunter brechen und hauen. Dann kamen Chevaulegers und eine förmliche Plünderung begann. Nicht nur Lebensmittel aller Art, Rahm in Töpfen, Honig Körbe mit dürren Kirschen brachten die Leute, sondern auch Bettüberzüge, Leinwand, Geld, aus der Einsiedlerkirche das Altartuch etc. Die Offiziere begünstigten oder belächelten, was mir ein Greuel war. Ich sagte zum Major, so ein Betragen brächte unserm Bataillon keine Ehre – „aber auch keine Schande“ sagte Hptm. Momm aufgebracht! Als nichts mehr da war, wurde ich mit einer Schutzwache in den Hof kommandiert.

(Johann Andreas Schmeller, Tagebücher 1801 – 1852, 1. Band 1801 – 1825, hg. von Paul Ruf, München 1954, S. 319, 320)

Schmeller kehrte 1813 nach München zurück, meldet sich zum „Befreiungskrieg“ gegen Frankreich (s. Eintrag vom Januar 2008) und wurde „Ober Lieutenant bei dem freiwilligen Jägerbataillon des Illerkreises“. Schmeller machte den Feldzug gegen Frankreich mit.
Jacob Karl von Mettingh lernte Schmeller wohl 1814 in Kempten beim freiwilligen Jägerbataillon kennen; er war einer der engsten Freunde und Vertrauten Schmellers.

 


Mai 2008

11. May 1827

Schwere Kämpfe mit der Mutter meiner Emma. Es war schon lange mein Streben gewesen, das übel zu deutende Wohnen unter Einem Dache abzubrechen. Bessere ökonomische Verhältnisse machen mir nun endlich die Ausführung möglich. Sie wollte anfangs den Gedanken nicht ertragen, von mir getrennt zu leben. Nun ist sie beruhigter. Ich habe ein Logis mit der 6 Jahre lang schmerzlich entbehrten Sonne, im Dultgässchen bey der Familie Holz gemiethet.


1. Mai 1828

Das erste Mal, seit ich lebe, zwar nicht in eigenen Mauern und an eigenem Herde, aber doch in einer ganzen vom Haus-Eigenthümer (Schneider Hilburger) unmittelbar gemietheten und mit Mobilien, die mein Eigenthum sind, ausgestatteten Wohnung. Arcis-Straße No. 228 im 2t. Stock rückwärts rechts. Stille Zimmerchen mit der freundlichen Morgensonne, aus denen ich über lauter Gärten voll blühender Bäume die Thürme der Stadt mit ihren lang vermissten Uhren und Glocken, ja sogar einige weiße Häupter der Alpen wahrnehme.

(Johann Andreas Schmeller, Tagebücher 1801 – 1852, 2. Band 1826 – 1852, hg. von Paul Ruf, München 1956, S. 41 bzw. S. 61)

Tatsächlich bezog Schmeller sein neues Logis bei der Familie Holz am 3. Juni (Pfingstsonntag, s. Tagebuch, 2. Band, S. 42).
1816 hatte sich Schmeller bei der Porzellanmalerswitwe Juliane Auer eingemietet. Juliane Auer war die Mutter seiner 1818 geborenen Tochter. 1835 ehelichte er die Mutter seiner Tochter. Sein Dasein als Untermieter beendete Schmeller im 43. Lebensjahr.

 


April 2008

2. April 1830

Endlich der 22te letzte Bogen vom Text des Heliand zur Correctur. Übrigens ein seltsamer Tag. Die Nachricht vom Tod des Großherzogs von Baden nach kaum 4tägiger Krankheit. Der Großherzog von Hessen ebenfalls dem Tode nah. Und was mich näher berührt als diese guten Herren, der Einsturz des Mitteltheiles eines diesen Winter gebauten 3stöckigen Hauses in meiner Nähe, wobey ein paar Dutzend Arbeiter auf eine grässliche Weise umgekommen oder zeitlebens verunglückt sind.

(Johann Andreas Schmeller, Tagebücher 1801 – 1852, 2. Band 1826 – 1852, hg. von Paul Ruf, München 1956, S. 97)

Der Heliand ist eine altsächsische Evangelienharmonie, die 1830 erstmals von Schmeller herausgegeben wurde; von Schmeller stammt auch der bis jetzt übliche Titel.

 


März 2008

Schmeller am 25. März 1848 an August Hopf

Theurer Freund.
Mitte in diesem Weltsturm der seit vier Wochen über Europa hinfährt, kommt mich an wie Sehnsucht nach vergangenen Zeiten und nach lieben Menschen mit denen ich diese verlebt habe. Habe ich sie nicht vergessen, so werden sie dann und wann auch meiner gedenken. Und wie ich gerne von ihrem Ergehen weiß, so werden auch sie gegen das meinige nicht gleichgültig seyn.
Die Reise mit meinem Stiefsohn nach Meran oder vielmehr die Rückreise von dort über den Jaufen ist für mich unglücklich gewesen. Am 28. September als gegen Mittag eben der Kamm dieses Bergpasses erreicht war, that ich einen Fall, durch den der Schenkelhalsknochen des linken Beines entzwei brach. Auf einer Leiter, die auf den Schultern zweier Träger ruhte, mußte ich von der Höhe hinab 3 Stunden weit nach dem nächsten Orte, wo Hülfe zu hoffen war, nach Sterzing gebracht werden. Hier lag ich drei Wochen lang unter der Pflege des Ortschirurgs, der mein Uebel für eine bloße Luxierung hielt und statt es zu heben, eher verschlimmerte. So blieb nichts übrig als mich, so wie ich war, drei Tagreisen weit über die Alpen hieher zu den Meinigen bringen zu lassen.

Mit dem Weltsturm meint Schmeller die französische Februarrevolution, die mittlerweile als Märzrevolution in Deutschland angekommen war.
August Hopf war der Sohn seines Freundes Samuel Hopf (1784 – 1830).

 


Februar 2008

[1847] 16. Februar (Fastnachtdienstag)

Die acht Tage Bibliotheksferien habe ich zum Behuf meiner Vorlesungen auf ein Heft (dieses Formats) über ältern und neuern Vocalismus der deutschen Dialekte nach J. Grimms 3ter Ausgabe verwendet; über dem trocknen Geschäft vergessend auf alles was vor der Thüre vorgegangen. Und ich vernehme, daß Unglaubliches geschehen ist. Alle Minister haben den Dienst aufgekündigt, vier sind auf Urlaub geschickt, der fünfte, bisher die Hauptstütze des Systems, ist völlig entlassen. Alles der Andaluza wegen, welcher König Ludwig das Indigenat geben will, das, weil von ihr die gesetzlichen Nachweisungen nicht beigebracht sind, die Minister auszufertigen Anstand genommen und vorgezogen haben, alle für Einen stehend, zurückzutreten. Abel, der im Namen der übrigen ein kräftiges Promemoria übergeben, denn auch sogleich entlassen (von 12 000 fl. auf 2500 gestellt), Bray auf 4 Monate in Urlaub nach Neapel geschickt, und ähnliches über Seinsheim, Gumppenberg und Schrenk verfügt.
Während ich (7½ Uhr Abends) dieses schreibe, stehen in meiner Gasse vor dem Hause, in dem die Hexe seit sie bei Havard ausgezogen, nun wohnt, und in welches sich eben auch König Ludwig begeben hat, eine Menge zumtheil Besoffener, die da schreyen vivat und hurra (Hurr á)! Es ist ja Fasnacht. Nur mischt sich manches Tragische darein.
Dem neuen Erzbischof soll bei seiner Aufwartung König Ludwig gesagt haben, er möge sich bekümmern um den Loyola und nicht um die Lola. Als auf einer der letzten sogenannten Academien Graf Luxburg auf des Königs Bemerkung, daß sie sehr leer sey, erwiderte, das komme wohl von dem Fackelzuge, den die Münchner dem Erzbischofe bringen, sey des ersten Wort gewesen: Fackeln - ja es ist etwas finster bei uns.
Wenn dies und die Entlassung des ultrakatholischen Ministers auf eine Sinnesänderung in Betreff der kirchlichen Dinge deuteten, so könnte man sich gleichwohl mit nichten darüber freuen, da ihre Veranlassung eine so sehr zweideutige, eine so wenig ehrenvolle wäre.
Schön ist bei diesem traurigen Fasnachtsspiele jedenfalls das Benehmen der Minister, der erste Fall, in welchem gestützt auf die Verfassung, einem ganz altpersischen Willen ist entgegengetreten worden.

(Johann Andreas Schmeller, Tagebücher 1801 – 1852, 2. Band 1826 – 1852, hg. von Paul Ruf, München 1956, S. 227)

Andaluza meint natürlich Lola Montez, deren Indigenat, Einbürgerung, sollte auch weiterhin eine große Rolle spielen. Als 1848 während der Märzrevolution Gerüchte kursierten, Lola halte sich wieder in München auf, entzog ihr der damalige Innenminister kurzerhand das zwischenzeitlich verliehene Indigenat, was letztendlich den Rücktritt des Königs veranlaßte.
Der neue Erzbischof war damals Karl August Graf von Reisach (Erzbischof von 1846 bis 1856).

 


Januar 2008

Schmeller hat erfahren, daß ihn der Kronprinz (der spätere König Ludwig I.) zum „Ober Lieutenant bei dem freiwilligen Jägerbataillon des Illerkreises“ vorgeschlagen hat. Nun will er zu seinen Eltern nach Rinnberg reisen:


Samstag 8t. Januar 1814

Nach 10 Jahren die Urheber und ersten Pfleger meines Lebens wiedersehen! Noch diesen Nachmittag setz´ ich mich auf einen Schrannenwagen. Denn nach Empfang der Ernennung dürfte es Schwierigkeiten haben.
Kannibalisch grob verfahren die Münchner Polizeibeamten. Jedem rechtschaffnen Mann muß schaudern vor den Schranken zu erscheinen, wo man den Grundsatz befolgt, jeden Menschen als verdächtig, als Spitzbuben zu betrachten. Mir ward nur eine Aufenthaltskarte bis 10t. dieß bewilligt, wo ich persönlich um Verlängerung einzukommen hätte. Ich gieng heute, sie mir verlängern zu lassen, weil ich unmöglich am 10t. wieder zurück sein könnte. Mit unmenschlicher Härte ward mirs abgeschlagen, bis ich nach einem zweiten Gang mit wiederholten Vorstellungen die rauhe Antwort erhielt: nun so kommen´s, wenn´s zurückkommen.
O Gute zu Rimberg; nun ist so nahe, was mir lang so furchtbar ferne war.

(Johann Andreas Schmeller, Tagebücher 1801 – 1852, 1. Band 1801 – 1825, hg. von Paul Ruf, München 1954, S. 227)

 

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